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Wicklung dieser Länder, dann auch in den zu verschiedenen Hautmate
rialien führenden Existenzbedingungen und Klimaten der verschiedenen
Gebiete, was dann auch wieder eine verschiedene Entwicklung der
Technik zur Folge hat.
Ein vierter Hauptkonsument des Ziegenfelles, allerdings von mehr
historischer Bedeutung, ist die Sämischgerberei. Die in Nürnberg *) und
auch sonst in Bayern stellenweise 9 ) als „Jrher" bekannten Weißgerber
hatten ihren Namen von der Verarbeitung der Haut des Bockes, welcher
im Althochdeutschen „Jrah" 3 ) genannt wird; durch das ganze Mittel-
alter, wie wir noch genauer verfolgen werden, wurden Ziegenfelle von
den Weißgerbern in großen Mengen sämisch gegerbt, der Weißgerber
Wolff Aichinger in Freistadt in Niederösterreich z. B. hatte laut Rats
beschluß vom 3. März 1576 Vorkaufsrecht für die Geiß- und Bock
häute der Fleischhacker 4 ); allmählich aber ging der Verbrauch des
Ziegenfelles in der Sämischgerberei in dem Maße zurück, als die vorhin
genannten Konsumenten mehr und mehr an Boden gewannen.
Die Herstellung des italienisch-spanischen Pergaments °) aus Ziegen
fellen, sowie deren Verarbeitung zu Paukenfellen 6 ) sei der Vollständig
keit halber hier noch angeführt.
Damit sind die den Hauptbedarf der Weißgerberei deckenden Haut
materialien erledigt, jedoch muß im Interesse der Vollständigkeit noch
auf einige Tierarten von gelegentlicher, wenn auch nur untergeordneter
Bedeutung hingewiesen werden.
Da im allgemeinen die Haut der Schweine nachdem Schlachten
dieser Tiere nicht abgezogen wird, ist Schweineleder zu allen Zeiten
schon seit Homer 7 ) von nur geringer Wichtigkeit, obwohl dieses dünne
und dichte Hautmaterial für feine und schwere Lederarbeit wohl geeignet
tväre. Um die Wende des 18. Jahrh, erfahren wir von lohgarem
Sohlleder aus den Häuten wilder Schweines, gelegentlich auch ver
wendet man lohgares Schweineleder für Reitsättel und in der Kunst-
lndustrie 9 ). Stärker noch als in der Lohgerberei scheint der Verbrauch
Materials in der Weißgerberei zu sein, wo es hauptsächlich für
attelsitze und für Buchbinderzwecke hergestellt wird"). Die Haupt
verwendung aber fanden die Schweinshäute in der Pergamentfabrikation,
'1 Nürnberg M. Ms., 233 ff. -) Augsburg 1722—1778.
°) Lexer 1872, Bd. I, S. 1449. *) Sperl. 1909, S. 14.
6 ) Wattenbach 1871, S. 80—81. 6 ) Beckmann 1796, S. 301.
') Riedenauer 1873, S. 138.
8 ) Halle 1762, Bd. II, S. 381; Hermstcidt 1807, Bd. II, S. 197.
9 ) Bücher 1893, S. 191; Rüst 1844, S. 336.
Prechtl 1838, Bd. IX, S. 236; Wiener 1904, S. 63; Krünitz LXYIII,
1795, S. 742.