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Verfolgt man nun die „soziale Frage" im Kaufmannsstande in ihre
einzelnen Unterarten, so liegen zur Beurteilung dieser Verhältnisse statistische
Nachweise, wie zur Beurteilung der Gesamtlage, nicht vor. Man ist hier
bei insbesondere aus die Jahresberichte kaufmännischer Vereine und auf
die vielfachen sehr anregenden Bemerkungen in den kaufmännischen Fach
blättern angewiesen.
Zunächst das Lehrlingswesen.
Die Lösung der kaufmännischen Lehrlings fra gen ist außer
ordentlich erschwert worden durch den Mangel genauer Präzisierung. Man
klagt sowohl über die ungenügende Ausbildung der Lehrlinge als über die
hohe Zahl derselben, ohne sich zu vergegenwärtigen, welche Personen bei
dieser Frage besonders in Betracht kommen. Hatte aber die Statistik be
reits bei der Frauenarbeit ergeben, daß die weibliche Konkurrenz sich nicht
auf alle Branchen des kaufmännischen Berufs erstreckte, sondern daß es
einzelne Zweige waren, in welchen diese Konkurrenz besonders fühlbar ge
worden ist, so liegt die Vermutung nahe, daß etwas Ähnliches auch von
den Lehrlingen gelte. Ist es nicht einleuchtend, daß der Lehrling im Geld-
und Kredithandel unter ganz anderen Gesichtspunkten zu behandeln ist, als
derjenige im Kleinhandel? Es genügt nicht, von einer Lehrlingskalamität
durchweg zu sprechen, es fragt sich vielmehr, ob nicht auch hier eine be
stimmte Kategorie ausschließlich oder doch vorwiegend die „Lehrlingsfrage"
verschuldet hat.
Zeigt nun schon das Handelsgewerbe in seinen einzelnen Zweigen
die größte Mannigfaltigkeit, so gilt dies noch mehr von der Ausbildung
und ' der Thätigkeit der in demselben beschäftigten Personen. Gewisse
Branchen des Handelsgewerbes verlangen bereits ihrer Natur nach eine
qualifizierte Ausbildung der Gewerbethütigen, die Möglichkeit eines prole
tarischen Nachwuchses aus den niederen Bevölkerungsschichten ist hier mehr
oder minder ausgeschlossen. Die unqualifizierte Arbeit im Handelsgewerbe
hat nur Aussicht'ans hinreichende Verwertung im Kleinhandel und in dieser
Seite des Handelsgewerbes dürfte daher auch der-Schwerpunkt der „Lehr
lingsfrage" zu suchen sein. Wenn nun wiederholt über einen großen An
drang zum kaufmännischen Beruf geklagt wird, so könnte es den Anschein
gewinnen, als ob das große Publikum allein für die Überfüllung des Kaus-
mannstandes verantwortlich zu machen sei. Es ist aber wohl einleuchtend,
daß ein „Andrang" gar nicht ohne die Kehrseite der Anlockung dauernd
bestehen kann. Die Schuld an der Überzahl von Lehrlingen trifft daher
gewisse Kategorien der kaufmännischen Betriebe nicht minder, als den Un
verstand der Eltern, welche ihre Söhne ohne Überlegung den Lockungen
folgen lassen.