Full text: Die sociale Lage der Handlungsgehülfen und ihre Verbesserung durch die kaufmännischen Vereine

15 
IL 
Verfolgt man nun die „soziale Frage" im Kaufmannsstande in ihre 
einzelnen Unterarten, so liegen zur Beurteilung dieser Verhältnisse statistische 
Nachweise, wie zur Beurteilung der Gesamtlage, nicht vor. Man ist hier 
bei insbesondere aus die Jahresberichte kaufmännischer Vereine und auf 
die vielfachen sehr anregenden Bemerkungen in den kaufmännischen Fach 
blättern angewiesen. 
Zunächst das Lehrlingswesen. 
Die Lösung der kaufmännischen Lehrlings fra gen ist außer 
ordentlich erschwert worden durch den Mangel genauer Präzisierung. Man 
klagt sowohl über die ungenügende Ausbildung der Lehrlinge als über die 
hohe Zahl derselben, ohne sich zu vergegenwärtigen, welche Personen bei 
dieser Frage besonders in Betracht kommen. Hatte aber die Statistik be 
reits bei der Frauenarbeit ergeben, daß die weibliche Konkurrenz sich nicht 
auf alle Branchen des kaufmännischen Berufs erstreckte, sondern daß es 
einzelne Zweige waren, in welchen diese Konkurrenz besonders fühlbar ge 
worden ist, so liegt die Vermutung nahe, daß etwas Ähnliches auch von 
den Lehrlingen gelte. Ist es nicht einleuchtend, daß der Lehrling im Geld- 
und Kredithandel unter ganz anderen Gesichtspunkten zu behandeln ist, als 
derjenige im Kleinhandel? Es genügt nicht, von einer Lehrlingskalamität 
durchweg zu sprechen, es fragt sich vielmehr, ob nicht auch hier eine be 
stimmte Kategorie ausschließlich oder doch vorwiegend die „Lehrlingsfrage" 
verschuldet hat. 
Zeigt nun schon das Handelsgewerbe in seinen einzelnen Zweigen 
die größte Mannigfaltigkeit, so gilt dies noch mehr von der Ausbildung 
und ' der Thätigkeit der in demselben beschäftigten Personen. Gewisse 
Branchen des Handelsgewerbes verlangen bereits ihrer Natur nach eine 
qualifizierte Ausbildung der Gewerbethütigen, die Möglichkeit eines prole 
tarischen Nachwuchses aus den niederen Bevölkerungsschichten ist hier mehr 
oder minder ausgeschlossen. Die unqualifizierte Arbeit im Handelsgewerbe 
hat nur Aussicht'ans hinreichende Verwertung im Kleinhandel und in dieser 
Seite des Handelsgewerbes dürfte daher auch der-Schwerpunkt der „Lehr 
lingsfrage" zu suchen sein. Wenn nun wiederholt über einen großen An 
drang zum kaufmännischen Beruf geklagt wird, so könnte es den Anschein 
gewinnen, als ob das große Publikum allein für die Überfüllung des Kaus- 
mannstandes verantwortlich zu machen sei. Es ist aber wohl einleuchtend, 
daß ein „Andrang" gar nicht ohne die Kehrseite der Anlockung dauernd 
bestehen kann. Die Schuld an der Überzahl von Lehrlingen trifft daher 
gewisse Kategorien der kaufmännischen Betriebe nicht minder, als den Un 
verstand der Eltern, welche ihre Söhne ohne Überlegung den Lockungen 
folgen lassen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.