Länder der alten Kultur zu Grunde gegangen seien, weil der Boden
an Ertragsfähigkeit abgenommen hätte und nicht mehr die bisherige
Starke Bevölkerung zu ernähren imstande gewesen wäre. Die Ursache
dieser Erscheinung sei aber in dem Raubbau zu finden, der zu allen
Zeiten stattgefunden und die Landwirtschaft ruiniert habe. Persien
und Mesopotamien, die Wiege der ältesten Kultur, welche lange
Zeit eine äusserst dichte Bevölkerung beherbergt und ernährt habe,
wie das alte Babylon, wo nach allen Berichten die üppigste Landwirt-
schaft mit enormen Erträgen geherrscht hat, seien allmählich zurück-
Scgangen und beherbergten jetzt nur eine dünne, arme Bevölkerung mit
der dürftigsten Landwirtschaft und unzureichenden Ernten. In gleicher
Weise sei die Macht und der Wohlstand Griechenlands und Roms
gebrochen, da beiden Ländern der ausgesogene Boden mehr und mehr
seine Gaben versagte. Spanien, welches unter den Mauriskos die
blühendste Landwirtschaft besessen und eine sehr dichte Bevölkerung
ernährt, wo das Land sich Jahrhunderte hindurch in höchstem Wohl:
Stande befunden habe, weise jetzt im Innern des Landes weite öde
Strecken und dürftige Weideflächen auf; die Bevölkerung wäre in
den letzten Jahrhunderten enorm zurückgegangen, und hätte sich aus
ihrer Verarmung noch nicht wieder zu erholen vermocht.
. Liebig geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass auch
in den modernen Staaten die Landwirtschaft in der Hauptsache auf
Raubbau basiert sei, und dass, wenn dieser nicht abgestellt werde, der
Verfall der jetzigen Kulturstaaten unvermeidlich sei, da die Erträge
der Landwirtschaft abnehmen müssten, ja sogar, wie er nachzuweisen
Sucht, bereits abgenommen hätten. Kein Wunder, wenn diese Aus-
führungen von so hervorragender Seite eine allgemeine Beunruhigung
berbeiführten. Es ist deshalb eine nähere Untersuchnng der volkswirt-
schaftlichen Seite der Liebigschen Lehre notwendig.
. Was zunächst die historische Begründung anbetrifft, so kann
dieselbe nicht als richtig anerkannt werden. Alle Reisebeschreibungen
Sind darin einig, dass in den erwähnten Ländern der Boden auch ar
Sich noch heutigen Tages ertragsfähig ist, dass aber in den asiatischer
Gegenden der alten Kultur, wie an der spanischen Küste in alter Zeit
Cin vorzügliches Bewässerungssystem mit ausgedehntem Kanalnetz dem
Acker die Feuchtigkeit bot, die er in jenem Klima zur Fruchttragung
gebraucht. Die verheerenden Kriege, und die damit verbundene De-
Zimierung der Bevölkerung, liessen die Kanäle verfallen, und damit
Müsste der Boden seine Ertragsfähigkeit einbüssen. In der Ebene
Von Capua werden aber noch heutigen Tages die reichsten Ernten
Sewonnen, und zwar durch ausgedehnte Anwendung der Gründüngung,
also durch Verwertung des natürlichen Bodenreichtums. Wenn in
Griechenland erst. überall gute Wege angelegt sein werden, wenn in
Spanien die Bevölkerung zu etwas grösserem Fleiss erzogen wird,
Unterliegt es keinem Zweifel, dass auch dort die Landwirtschaft schnell
Zu früherer Blüte gebracht werden kann, abgesehen vielleicht von
inzelnen Landesteilen, wo infolge übermässiger Vernichtung der Wälder
und ausschliesslicher Benutzung des Landes zu Weidetriften der Humus
ZU sehr ausgebrannt und ausgewaschen ist, so dass er einer längeren
Kultur zur Neubelebune bedarf.
Kritik der
historischen
Begründung