648
.Freiheit vom Worte“
Gleichnis gesprochen: Über die gleiche „Schiene“ des Wortes rollen
verschiedene Züge, je nach der Verkehrslage, dem Gedanken verlauf.
Nicht viel anders als die Empiriker halten es aber selbst die Theoretiker,
gleich zwei Zeilen hinter ihrer „Definition“, und tun gut daran. Jeden
falls, denkt man sich einmal die ganze Theorie als „Güterlehre“ weg,
es wäre also jenes Bild aus eitel Hilfslinien, an dem man nun schon
ein Jahrhundert zirkelt, einfach ausgelöscht — die Empirie unserer
Wissenschaft, ihre Tatsachenforschung, würde gar nichts merken 1 Nach
wie vor würde sich jeder Empiriker, auf Grund der Gemeinen Er
fahrung einerseits, seiner empirischen Einsicht andererseits, für seinen
Hausbedarf an Theorie selber eindecken. Um in dieser Ausmalung noch
einen kecken Schritt weiter zu gehen: unserer Wissenschaft wäre bei
leibe nicht der Kopf abgeschnitten, bloß eine Art knolliger Wucherung,
die eigentlich nur ein „Reizzustand“ hervorgerufen hat, nämlich die
Reibung mit den Aussprüchen der Praxis des Lebens 1
Dahinzu in der Tat muß man auch die herkömmliche Theorie
ernst nehmen. Hier liegt wirklich eine Leistung von ihr vor. Sie
alimentiert die Kunstlehren, die ihre theoretische Untergründung von
unserer Wissenschaft fordern. Zwar kommt sie, wie sie einmal ist,
auch diesem Dienste nicht vollwertig nach; sie bietet schlechte Haus
mannskost. Immerhin war es anzudeuten, wie zu technischer Ver
wertung gerade die „güterseligen“ Theoreme brauchbar, fallweise so
gar unentbehrlich wären. Jedenfalls ist es diese einseitige Leistung,
die Kunstlehren theoretisch zu fundamentieren, worauf die ganze
„Güterlehre“ zugeschnitten erscheint. Daher ihr „Kommerzialismus“,
daher ihr Parteinehmen für das Größenspiel der Wirtschaft, daher auch
ihr Hang nach allem, was einem „Gesetze“ von weitem ähnlich sieht;
und wenn es allemal auch nur die „idealtypisch“ bündige Darlegung
eines Zusammenhangs besagt, den man sich jederzeit an den fünf
Fingern abhaspeln kann. Hier spukt übrigens die kurzsichtige Meinung,
alle technische Erwägung sei hinsichtlich ihrer „ratio“ auf einen all
gemeinen Satz angewiesen.
An diesem ganz einseitigen Zuschnitt unserer Theorie verrät sich
deutlich auch ihre Unreife. Ihrer unleugbaren Schwäche, in Sachen
der Erkenntnis sowohl als des inneren Wissenschaftsbetriebes, bleibt sie
sich instinktiv bewußt. Dieses Gefühl schlägt nun in den kleinlichen
Ehrgeiz um, zum mindesten der Praxis etwas zu bieten; man sucht
also ein für das praktische Handeln sofort verwertbares Wissen zu pro
duzieren. Das Leben bestürmt ja gleich schon die unentwickelte
Theorie mit seinen Fragestellungen. Das macht die Theorie einerseits
altklug; auf der anderen Seite fühlt sie sich ihrer selbst unsicher. Da