A. VII. Abschnitt. Die Steuerquellen und die Steuerkräfte insbesondere. 255
lasteten Nationen abzuwägen. Zahlreiche Versuche wurden gemacht,
aber diese Versuche zeigten so bedeutende Differenzen, daß exakte
Schlüsse unmöglich erachtet werden mußten. Bei der Abschätzung
der Leistungsfähigkeit Deutschlands aus Anlaß der Reparationen
haben alle Berechnungen, siehe Keynes, Mac Kenna, Repa-
rationskommission, Daweskommission, differentielle Krgebnisse ge-
liefert *). Ebenso haben bei Festsetzung der Zahlungsverbind-
lichkeiten Frankreichs England gegenüber die englischen Berech-
nungen andere Resultate geliefert als die französischen. Nach dem
Dawesplan soll die Leistungsfähigkeit auf Grund folgender Momente
festgestellt werden. Die Komponenten des index of prosperity sind
demnach: 1. Die Gesamtsumme von Deutschlands Einfuhr und Aus-
fuhr; 2. die Gesamtsumme der Einnahmen und Ausgaben; 3. das
Gesamtgewicht der durch die Bahnen beförderten Güter; 4. die
Gesamtsumme des Konsums an Zucker, Tabak, Bier und Alkohol;
5. die Gesamtbevölkerung; 6. Konsum an Kohle und Lignit 9).
3. Mechanik der Steuerkräfte. Was die Natur der
Steuerkräfte betrifft, so haben diese ihre eigene Mechanik, ihr
Auf- und Abwogen, ihre Zu- und Abnahme, ihre Widerstände, ihre
Elastizität usw. Die Steuerpolitik muß dieselbe gründlich studieren.
Einige gute Bemerkungen bezüglich des Verhaltens der Steuerkräfte
finden wir bei Schäffle. So fordert er einen Schonungs- und
Erholungsspielraum für die notleidend werdenden und schwachen
Steuerkräfte (Entlastungsremedium). Auch das Steuerwesen hat
seine Invaliden; derselben gibt es namentlich nach dem Weltkriege
eine große Zahl. Das Steuerwesen muß so beschaffen sein, daß
es den Veränderungen in der Steuerkraft gerecht werde, dort
schonend, hier fordernd auftrete. Dies ist um so notwendiger als
ja, wie wir an anderer Stelle schon bemerkten, die Bedürfnisse bei
sinkendem Einkommen nicht sogleich reduziert werden können, hin-
gegen bei steigendem Einkommen nicht sogleich ausgedehnt werden,
dort also die Abnahme, hier die Zunahme der Steuerkraft eine
potenzierte ist. Zu den Krankheitsursachen der Steuerkräfte ge-
hören namentlich wirtschaftliche Krisen, schlechte Ernten, Valuta-
verschlechterung, Kriege, politische Erschütterungen usw. Mit
Rücksicht auf die stetigen mächtigen Wellenbewegungen des wirt-
schaftlichen Lebens, die das Auf- und Niedersteigen der Steuer-
1) Über die großen Schwierigkeiten der Einkommens- und Steuerstatistik
siehe Holz a. a. 0., Shirras a. a. O., die an den Vortrag Shirras’ in der
Royal statistical society sich anschließende Diskussion, sowie Pirelli’s Vor-
trag, der empfiehlt, diese Schätzungen so wenig als möglich zu verwenden.
°) Moulton, The reparature plan. New York 1924 8. 231.