Fünftes Kapitel.
Jortschritte des politischen Denkens.
Die Geschichte des politischen Denkens in Deutschland
zeigt während des 19. Jahrhunderts von vornherein eine ge—
spaltene Entwicklung: hie Liberalismus, hie Konservatismus
ertönt schon früh wenn nicht der Ruf, so doch die Meinung;
es bilden sich die psychologisch-politischen Voraussetzungen jeder
primitiven Parteibildung.
Nur wäre es verkehrt anzunehmen, daß mit diesen ent—
gegengesetzten Dispositionen des Fortschritts und des Be—
harrens, die zunächst nichts waren als Neigungen und Ten—
denzen, sogleich auch schon Parteien entstanden wären. Parteien
sind nicht nur der Ausdruck eines Zustandes, in dem sich, auf
Grund eingehenden Durchdenkens politischer Zustände seitens
Gleichberechtigter, nicht bloß Meinungsscheidungen bis zu der
Klarheit vollzogen haben, daß eine große Reihe von An—⸗
schauungsweisen einzelner politischer Fragen einer obersten po—
litischen Theorie, einer letzten politischen Idee, einer ganz
bestimmten Parteidoktrin unterstellt worden sind; zu ihrer Voll—
endung gehört auch noch eine Dressur der Willen der ihr An—
gehörenden bis zu dem Grade, daß es einem überragenden
Willen und einer starken Intelligenz, dem Parteiführer, ge—
lingen kann, die Massen der Parteifreunde zu meistern und zu
großen Aktionen zusammenzufassen. Man sieht, es handelt sich
da um einen langen Eingewöhnungs- und Durchbildungsprozeß,