gen. Unleugbar ist ein weitläufiges, ungemein spaltenreiches
Formular für die Erhebung der Thaisachen sowohl, als
auch für die Zusammenstellung derselben etwas höchst unpraktisches.
Nicht allein, dass man es mit einem physisch nur
schwer zu bewältigenden Papierconvolut zu thun hat, ist es
auch etwas Trostloses, eine Arbeit vor sich zu haben, deren
Ausdehnung sich im buchstäblichen Sinne des Worts kaum
nach der Elle messen lässt. Insofern jede Spalte c. 1 Zoll
Raumesbreite einnimmt, beträgt die Länge der Tabelle über
50 Fuss. Kein Wunder daher, dass Diejenigen, welchen die
Ausfüllung der Tabelle oblag, ihren Hauptwunsch unablässig dahin
richteten, dass so viel Spalten als möglich unterdrückt würden,
denn mit jeder unterdrückten Spalte nahm die Arbeit um einen
Zoll ab. Die Entwicklung der preussischen Statistik wäre
jedenfalls von Haus aus eine ganz andere, eine vielseitigere gewesen,
wenn von Hoffmann gleich ursprünglich, anstatt einer
einzigen Tabelle, eine systematisch geordnete Reihe von Tabellen
eingeführt und deren Bearbeitung angemessen auf gewisse
Zeiträume vertheilt worden wäre. Statt dessen ist jener
Entwicklung durch die Zusammenfassung alles statistischen
Stoffs in eine einzige Tabelle gleichsam ein papierner Damm
entgegengestellt worden. Mit jedem Male, wo an ihm herumgerüttelt,
wo er geschmälert wurde, wurde gleichzeitig auf die
amtliche Statistik und den reichen Inhalt des ersten Formulars
ein Streich geführt. Endlich sah sich Hoffmann genöthigt,
den Damm theilweise abzutragen, aus einem Körper mehrere
zu machen. So entstanden die mehreren Tabellen. Man kann
es leicht nachweisen, dass und wie sie aus der ersten einzigen
hervorgegangen sind. Leider hat auch in den getrennten Tabellen
die Spaltennumerirung ihre Wirkungen fortgeäussert.
Lediglich aus Rücksicht auf die Beschränkung der Zahl derselben
auf ein Minimum ist der wünschenswerthe Ausbau
mancher von ihnen unterblieben, so dass thatsächlich quantitativ
die preussische amtliche Statistik keine Bereicherung erfuhr.
Ja es geht aus der blossen Vergleichung der Spaltentitel sogar
hervor, dass hinsichtlich des Inhaltreichthums die Tabelle von
1810 die heutigen in vieler Beziehung überragt.
Indess bei der Statistik handelt es sich nicht so sehr um
viele , als vielmehr um gute Nachrichten, d. h. also um eine
methodische Erhebung, Sammlung und Nutzbarmachung der
staatlich wichtigen und interessanten Zustände. Den Nachweis
des innern Zusammenhangs aller Erscheinungen und Zustände
verdankt man vorzugsweise der neuern Zeit, und in ihr den
Männern, welche die Statistik zur Physik des Staats und der
Gesellschaft ausgebildet haben. Unbedingt war Hoffmann einer
der Ersten, jedenfalls aber der Bedeutendste, welcher so frühzeitig
dieser Richtung der Statistik huldigte, denn Niemand
verstand es besser wie er, den Causalzusammenhang der Dinge
darzulegen und zu beschreiben. Er also hat der Entstehung
der Physik der Gesellschaft eine breite Bahn gebrochen. In
seinem Geiste ist es, auf dem von ihm betretenen Wege weiter
zu wandeln. Seiner Auffassung entsprach es aber nicht, das
Volk blos zu zählen, sondern er wollte es auch beschreiben.
Darin liegt ja auch der hauptsächlichste Werth der grossen
mühsamen Operation einer Volkszählung.
Eine Volkszählung ist bekanntlich ein Unternehmen, bei welchem,
wenn es alle Bewohner des Staats treffen soll, die Behörde
den Namen j edes Menschen im Staate zu wissen verlangen muss,
um die Zahl derselben genau feststellen zu können. Die Erfahrung
hat nun aber gelehrt, dass, wenn zur namentlichen
Aufführung jedes Bewohners des Staats zu verschreiten ist,
es kaum eine grössere Belästigung der Bewohner ist, wenn
neben der Zahl derselben auch deren Beschaffenheit zu ermitteln
versucht wird. In der That sind alle Volkszählungen
der neueren Zeit nicht blos Volkszählungen, sondern Volksbeschreibungen,
zusammengesetzt aus der detaillirten Beschreibung
jedes einzelnen Individuums. Und alle Fragen der innern
Politik und der Verwaltung, der Socialökonomie etc. lassen
sich beantworten, wenn durch die Volksbeschreibung von jedem
Bewohner neben seiner Existenz
1) Geschlecht,
2) Alter,
3) körperliche Beschaffenheit,
4) geistige Beschaffenheit,
5) Confession oder Religionsbekenntniss,
6) Familienverhältniss,
7) Stand und Beruf, Erwerb, Vermögen,
8) Arbeits - und Dienstverhältniss , resp. Abhängigkeitsverhältniss,
9) Art des Aufenthalts, Wohnungsweise,
10) Abstammung, Sprache,
d. h. also seine körperliche, geistige und sociale Beschaffenheit
ermittelt worden ist. Daher ist es denn auch vorzugsweise
das Bestreben der Statistik, die Volkszählungen zu vervollkommnen,
ihre Methoden auszubilden und, um es kurz zu
, sagen, ein Maximum der ebengenannten Details mit einem
Minimum von Belästigung für die Befragten und die Fragenden
zu erforschen und rasch zur allgemeinen Uebersicht zu
bringen.
Den Beweis für diese Behauptung zu liefern ist nicht
schwer. Nicht allein die mit grossen Mühen und Kosten ausgeführten
Zählungen in Belgien (im Jahre 1846), in Nord-Amerika
(im Jahre 1850), in Grossbritannien (im Jahre 1851),
in Frankreich (im Jahre 1856) enthalten ihn vollständig, sondern
auch die mancher deutschen Länder können sich jenen ebenbürtig
an die Seite stellen. Nicht minder anerkennenswerth
nach Anlage und Ausführung ist auch die östreichische vom
Jahre 1857. Es dürfte überhaupt eine der interessantesten
statistisch - geschichtlichen Arbeiten sein, die Fortschritte der
Statistik an dieser schwierigsten ihrer Arbeiten zu prüfen und
zu messen. Glücklicherweise sind in den leicht zugänglichen
Ausführungsverordnungen und den späteren Veröffentlichungen
der gewonnenen Resultate die Mittel zu solcher Prüfung ausreichend
gegeben, so dass es einem Geschichtsschreiber der
Volkszählungen nicht an verlässlichem Material gebrechen wird.
Vorliegende Denkschrift will indess eine solche historische
Arbeit nicht sein. Hat sie auch dann und wann auf Zählungen
in andern Ländern hinzuweisen, so handelt es sich an
diesem Orte weniger um eine Kritik fremder Zählungen, als
vielmehr um die Frage: Inwieweit wurde der eigentliche,
oben klar und bestimmt ausgesprochene Zweck und Umfang
der Volkszählung und Volksbeschreibung durch die bisherigen
und neuesten Unternehmungen dieser Art in Preussen erreicht?
1) In Betreff des Geschlechts. Da es von Natur
nur zwei Geschlechter giebt, so macht die Trennung in männliche
und weibliche Personen nicht viel Mühe. Sie ist darum
auch allenthalben in den Tabellen beobachtet.
2) In Betreff des Alters. Das Alter der Bewohner
eines Staats ist fast eben so ungleich, als sie selbst. Um in
diesem Meer von Verschiedenheit nicht ganz unterzugehen, ist
die Zusammenfassung gewisser Altersclassen unerlässlich. Für
eine Menge der wichtigsten Zwecke empfiehlt es sich, bei der
Altersgruppenbildung das Jahr als Einheit anzusehen und die
Individuen nach Gruppen zu ordnen, die um je ein Jahr aufwärts
steigen. Die preussischen Tabellen classifieirten die
männlichen und weiblichen Bewohner früher nicht conform.
Dagegen geschieht es seit neuerer Zeit, und zwar, wie folgt:
von unter bis mit 5 Jahren,
* über 5 — 7
» , 7—14
, . 14—16
» » lb — 19 »
» „ 19—24
.. » 24 - 32
» , 32—39
» » 39 — 45 »
« » 45 — 50 >'
» » 50 —— 60 »
» » 60 »
Vorstehende Classificirung hat bereits von vielen Seiten
die allerschärfste Kritik erfahren und nicht mit Unrecht.
Zunächst macht sie durch ihre Vernachlässigung der Jugendjahre
ein begründetes Urtheil über die Kindersterblichkeit
absolut unmöglich. Ferner schneidet sie durch die Annahme
so particularer Altersgruppen die Füglichkeit jeden Vergleichs
ab, welches nicht der Fall zu sein brauchte, wenn
neben den genannten, für gewisse administrative Zwecke allerdings
benöthigten Altersclassen auch noch die allgemeineren,
nach Jahrfünften vorschreitenden eine Stelle gefunden hätten.
Für die höheren Altersjahre lässt sich in Preussep ebenfalls
eine Lebenswahrscheinlichkeit nicht ermitteln und berechnen.
Und daher kommt es, dass dieser grosse mächtige Staat,
in dem so viele Lebens- und Rentenversicherungen abgeschlossen
werden, keine Sterblichkeitstafel hat, weil ihm die
Unterlagen zur Bearbeitung einer solchen fehlen. Alle Anstalten
in der Monarchie, deren Geschäftsbetrieb auf der
Lebenswahrscheinlichkeits-Berechnung basirt, operiren auf der
Grundlage englischer, französischer, belgischer, holländischer
und sonstiger Mortalitätstabellen, nicht aber auf preussischen.
Mag nun auch hinsichtlich der Mortalität unter den einzelnen
Nationen eine mehr oder minder grosse Verwandtschaft der
Zahlenverhältnisse bestehen, in Folge dessen der Gebrauch
fremder Tafeln nicht absolut unstatthaft ist: so ist es doch
gewiss beklagenswert!!, dass dieser Mangel an provinziellen
Sterblichkeitstafeln heute noch vorhanden ist und seiner Abhilfe
entgegenzusehen hat. — Die genaue Kenntniss des Alters
ist auch noch wichtig für die Erkenntniss des Reichthums
einer Nation, der in den Bewohnern selbst liegt. Nicht die
blosse Zahl derselben gewährt einen Einblick in die Macht-