Full text : Die Methoden der Volkszählung, mit besonderer Berücksichtigung der im preussischen Staate angewandten

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Motive  und  Erläuterungen  zu  den  Fragen,  die  Gewerbe,  den  Handel  und  Verkehr  betreffend.

1.  Im  Allgemeinen.  Ueber  den  grössten  Theil  der  durch  die  obigen  Fragen  berührten  Gegenstände  sind  im  preussischen  Staate
schon  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  gelegentlich  der  Volkszählung  Nachrichten  eingezogen  worden.  Es  sind  aber  mannigfache ­
  Gründe  vorhanden,  nicht  blos  an  der  Richtigkeit  vieler  dieser  Nachrichten,  sondern  noch  mehr  an  der  Vollständigkeit  derselben ­
  zu  zweifeln.  Da  sie  keinerlei  Finanzzwecken,  sondern  nur  volkswirtschaftlichen  zu  dienen  bestimmt  sind,  glaubt  man  den
Weg  der  directen  Befragung  der  einzelnen  Industriellen  und  Kaufleute,  Künstler  und  Handwerker  etc.  selbst  beschreiten  und  sich
überzeugt  halten  zu  dürfen,  dass  diese  Nachrichten  von  den  Befragten  in  ihrem  wohlverstandenen  eigenen  Interesse  auch  überall
mit  Wahrheit  und  Bestimmtheit  werden  gegeben  werden.  Es  sind  im  Ganzen  nur  sehr  wenige  Fragen,  die  gestellt  wurden.  Auch
mussten  sie  so  allgemein  wie  möglich  gefasst  werden,  damit  sie  für  jeden  Gewerbe-  oder  Handelsbetrieb,  von  welcher  Art  und
Ausdehnung  er  auch  sei,  mehr  oder  weniger  passend  erscheinen.  Dies  bittet  man  bei  einer  etwaigen  Kritik  der  Fragen  zu  berücksichtigen. ­

Zu  1.  Die  Antwort  auf  die  1.  Frage  soll  dazu  dienen,  zunächst  die  Gattung  des  Geschäftsbetriebs  in  Erfahrung  zu  bringen.  Es  soll
daraus  erkannt  werden,  ob  man  es  mit  einer  Fabrik  oder  mit  einem  Handwerk,  mit  einem  sogenannten  geschlossenen  Etablissement ­
  oder  mit  einem  sogenannten  Hausindustriegeschäft,  mit  einem  Gross-  oder  mit  einem  Kleinhandel  zu  thun  habe.  Wenn  ein
Unternehmer  mehrere  für  sich  bestehende  Gewerbe-  oder  Handelsetablissements  gleicher  oder  verschiedener  Art  besitzt,  so  sind
für  jedes  solcher  Art  selbstständige  Geschäft  die  vorgelegten  Fragen  zu  beantworten.  Arbeiten  sich  auch  dergleichen  selbstständige
Geschäfte,  wie  es  sehr  häufig  der  Fall  sein  dürfte,  einander  in  die  Hände,  so  wie  z.  B.  die  Spinnerei  der  Weberei,  die  Weberei
der  Kattundruckerei,  Färberei  oder  Appretur,  die  Roheisenerzeugung  der  Stabeisenerzeugung  etc.,  so  thut  das  der  Sache  keinen
Eintrag.  Es  ist  dann  in  der  Antwort  auf  Frage  7  nur  einfach  die  Werthsumme  dieser  Zwischenproducte,  als  nach  Preussen  und
dem  Zollverein  abgesetzt,  aufzuführen,  (s.  Erläuterungen  zu  7.)
Z  u  2.  Grössere  Geschäfte  pflegen,  auch  wenn  sie  industrielle  sind,  zugleich  kaufmännische  insofern  zu  sein,  als  sie  eine  kaufmännische
Firma  mit  kaufmännischen  Rechten  führen.  Unter  übrigens  gleichen  Umständen  gewinnt  die  Firma  an  Ansehen,  je  länger  sie  besteht. ­
  Und  von  dem  Staate,  dessen  Industrie  und  Handel  von  einem  gewissen  und  wohlberechtigten  Firmenstolz  beseelt  ist,  ist  von
vornherein  zu  behaupten,  dass  die  socialen  Verhältnisse  zwischen  Arbeitgeber  undArbeitnehmer  daselbst  günstigere  für  beide  Theile  sind,
als  da,  wo  die  Firmen  und  die  Geschäfte  wie  die  Pilze  aus  der  Erde  schiessen,  aber  auch  eben  so  schnell  wieder  verschwinden,
wie  sie  gekommen  sind.  Die  Frage  nach  dem  Alter  der  Firma  hat  daher  eine  hohe  sittliche  Bedeutung,  weil  sie  namentlich  in  .
ihrer  regelmässigen  Wiederholung  zu  den  interessantesten  Ergebnissen  führt.  Die  Antwort  darauf  ist  ja  auch  ungemein  leicht.
Zu  3.  In  den  meisten,  doch  nicht  in  allen  Fällen  wird  die  Antwort  auf  die  Frage  nach  der  Gattung  der  Waaren  schon  aus  der  Antwort ­
  auf  die  erste  abgeleitet  werden  können,  indess  sicher  nicht  immer  so  genau,  als  wenn  sie  von  den  Befragten  selbst  gegeben
wird.
Zu  4,  Persönliche  Kräfte.  Es  handelt  sich  hier  vornehmlich  um  die  Angabe  der  in  gewerblichen  oder  Handelsgeschäften  unmittelbar, ­
  d.  h.  im  Hause  oder  in  dem  Etablissement  beschäftigten  Personen.  Bei  Hausindustriegewerben,  wie  z.  B.  bei  der  Webwaarenfabrication,
  bei  der  Stahlwaarenfabrication,  wo  ein  Fabrikant  oder  Fabrikkaufmann  zwar  Hunderte  oder  Tausende  von
Arbeitern,  aber  nicht  (oder  doch  z.  B.  nur  höchst  selten)  in  geschlossenem  Etablissement  beschäftigt,  wissen  die  Arbeitgeber  selbst
nicht  genau,  und  können  es  auch  nur  selten  genau  wissen,  wieviel  Arbeitnehmer  sie  beschäftigen.  Deshalb  ist  die  Frage  nach
dieser  Zahl  auch  nur  ganz  allgemein  gehalten,  während  jene  specieller  ist.  Es  sind  nun  zwar  mannigfache  Bedenken  gegen  eine
solche  Frage  nach  der  Zahl  der  Arbeiter  geäusscrt  worden.  Allein  abgesehen  davon,  dass  dies  am  Orte  des  Etablissements  gar
kein  Geheinmiss  ist,  sind  solche  Bedenken  auch  noch  deshalb  völlig  ungerechtfertigt,  weil  die  Zahl  der  Arbeiter  über  ein  Geschäft
ja  nichts  weiter  sagt,  als  Das,  was  mehr  oder  weniger  zutreffend  jeder  mit  Localkenntniss  Ausgerüstete  schon  weiss.  Uebrigens  ist
es  nicht  blos  die  geschäftliche,  sondern  die  sociale  Wichtigkeit  des  Gegenstandes,  welche  diese  Frage  stellen  liess.  In  unserer
industriellen  Zeit  streitet  die  grosse  Indutrie  mehr  und  mehr  mit  dem  grossen  Grundbesitz  um  ihre  Stellung  und  ihren  Einfluss.
Der  Umfang  und  die  Bedeutung  des  grossen  Grundbesitzes  kennt  man  genau,  den  Umfang  und  die  Bedeutung  der  grossen  Industrie, ­
  die  sich  am  Besten  an  der  Zahl  der  durch  sie  beschäftigten  Hände  misst,  kennt  man  aber  nur  sehr  ungenau.
Zu  5  und  .6.  Todte  Kräfte.  Aehnliche  Bemerkungen  gelten  auch  für  die  Fragen  5  und  6.  Bei  der  Frage  nach  der  Zahl  und  Gattung
der  in  einem  Geschäft  vorhandenen  Apparate,  Arbeitsmaschinen  etc.  ist  man  sich  dessen  vollkommen  bewusst,  dass,  angesichts
ihrer  bei  gleichem  Namen  dennoch  statthabenden  grossen  Verschiedenheit,  die  Antworten  immer  an  Unsicherheit  leiden  werden.
Allein  dieser  Mangel  kann  ohne  eine  ungebührliche  Ausdehnung  der  Fragen  überhaupt  nicht  auf  dem  Wege  der  allgemeinen  statistischen ­
  Befragung  behoben  werden.  Hier  muss  die  monographische  Schilderung  ergänzend  eintreten.  Aber  die  wirklich  lehrreiche
Monographie  ganzer  Industriezweige  ist  nur  möglich,  wenn  ihr  die  allgemeine  Statistik  vorarbeitet.
Z  u  7.  Die  Frage  nach  dem  Umsatz  und  Absatz  erscheint  sehr  indiscret.  Sie  würde  mit  Rücksicht  darauf  nicht  gestellt  worden  sein,
wenn  nicht  noch  höhere  Rücksichten  eine  Bedenklichkeit  in  dieser  Beziehung  ausschlössen.  Keinem  Gewerb-  und  Handeltreibenden,
der  ein  offenes  Auge  und  Ohr  für  die  Zeitereignisse  hat,  ist  es  unbekannt,  dass  sich  durch  den  englisch  -  französischen  Handelsvertrag ­
  die  Absatzkreise  der  zollvereinsländischen  und  also  vorzugsweise  auch  der  preussischen  Industrie  gänzlich  zu  verschieben
drohen.  Leider  ist  weder  die  amtliche  Statistik  des  Zollvereins,  noch  die  Preussens  im  Stande,  mit  hinlänglicher  Genauigkeit
anzugeben,  wie  gross  die  Interessen  sind,  welche  hierbei  auf  dem  Spiele  stehen.  Man  ergeht  sich  dabei  nur  in  \  ermuthungen.
Begründet  das  nicht  aber  die  industrielle  Grösse  Englands,  dass  dieser  Staat  über  seine  Ein-  und  Ausfuhr  an  M  aaren  aller  Art
aufs  Genaueste  Buch  und  Rechnung  führt  und  dadurch  in  den  Stand  gesetzt  ist,  jede  Veränderung  sofort  wahrzunehmen  und  ihren
Ursachen  nachzuspüren?  Bevor  man  in  Preussen  nicht  etwas  Aehnliches  thut,  wird  man  immer  im  I  instern  tappen.  Ein  Glück
ist  es,  dass  wenigstens  einige  durch  Sach-  und  Fachkenntniss  hervorragende  Männer  das  Dunkel  etwas  erhellen.
Die  Statistik  hat  indess  die  Aufgabe,  solche  der  ganzen  Nation  nothwendigen  Kenntnisse  zum  Gemeingut  der  ganzen  Nation
zu  machen.  Das  aber,  was  so  viele  Einzelne  fast  bis  an  den  Lebensnerv  berührt,  geht  auch  wieder  von  ihnen  aus.  Ohne  die
treue  und  zuverlässige  Mitwirkung  der  Einzelnen  ist  in  einem  Lande,  das  nach  mehreren  Seiten  hin  ganz  offene  Commerzgrenzen
hat,  die  Lösung  der  Aufgabe  nicht  möglich.  Mit  dieser  Mitwirkung  aber  ist  sie  kinderleicht.  Im  Vertrauen  auf  dieselbe  wird  sie
unternommen.  —  Nur  der  oft  zu  hörende  Ausspruch,  dass  jeder  Geschäftsmann  selbst  am  Besten  wisse,  was  ihm  fromme,  und  er
dazu  der  Statistik  nicht  bedürfe,  verdient  hier  noch  eine  Beleuchtung  und  zwar  folgende.  Niemand  behauptet,  dass  die  Statistik
im  Stande  sei,  dem  Einzelnen  für  jeden  bestimmt  gegebenen  Fall  Rathschläge  zu  ertheilen.  Das  kann  sie  nicht.  Aber  der
ursächliche  Zusammenhang  gewisser  wirthschaftlicher  Erscheinungen,  die  allgemeinen  Gesetze,  die  sich  in  den  grossen  Zahlen
kundgeben,  diese  weiss  sie  aufzusuchen  und  zu  finden,  und  diese  Gesetze  werden  unwillkürlich  bestimmend  für  die  Unternehmungen.
Wer  von  diesen  Ansichten  durchdrungen  ist,  wird  der  amtlichen  Statistik  die  Antwort  auf  die  Fragen  sub  7  nicht  vorenthalten,
wer  anderer  Ansicht  ist,  kann,  wie  bedauerlich  dies  auch  sein  würde,  sie  verweigern.
Zu  8.  Um  die  namentlich  für  den  kleineren  Gewerbebetrieb  auf  dem  Lande  für  das  leibliche,  geistige  und  sittliche  Wohl  der  Arbeiter
so  wohlthätige  Verbindung  der  Industrie  mit  der  Landwirtschaft  in  vollem  Maasse  würdigen  und  in  ihrer  Bewegung
beurtheilen  zu  können,  ist  es  höchst  wichtig,  sich  darüber  Kenntuiss  zu  verschaffen,  in  welchem  Umfange  diese  Verbindung
stattfindet.  Die  sub  8  gestellte  Frage  soll  diese  Kenntniss  vermitteln.  Die  Auskunft  darauf  ist  so  leicht  zu  ertheilen,  dass
hoffentlich  Niemand,  auf  den  die  Frage  Anwendung  leidet,  ausser  Stande  sein  wird,  sie  richtig  zu  beantworten.  Die  Flächengrösse ­
  ist,  soweit  thunlich,  in  Magdeburger  Morgen  oder  doch  in  einem  anderen  verständlichen,  gegendüblichen  Flächenmaasse
anzugeben.
            
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