Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

gerecht zu werden. Es erwies sich gleich 
nach dem Umsturze als unvermeidbar, über 
den Rahmen der reinen Armenfürsorge 
und über die nach dem Heimatrechte 
vorgeschriebenen Pflichten hinaus Für- 
sorge zu betreiben. Die Fürsorgebehör- 
den haben es sich daher zumeist aus 
eigener Initiative zur Aufgabe gemacht, 
auch freiwillige Fürsorge zu pflegen. 
In voraussichtlicher Auswirkung der so- 
zialen Renten wird die Inanspruchnahme 
der geschlossenen Pflege in Heimen größer 
werden. Die Bezirksfürsorgeräte Nieder- 
Österreichs sind bereits im Begriffe, ihre 
Altersheime in dieser Hinsicht auszu- 
bauen. So wurde das Bezirksaltersheim 
in St. Pölten mit großem Kostenaufwande 
für die Aufnahme solcher Sozialrentner 
umgebaut. Hiebei wurde den Anforderun- 
gen dieser Bevölkerungsschichten Rech- 
nung getragen. Auch in anderen Alters- 
heimen ist für die Aufnahme solcher‘ Pfleglinge vor- 
zesorgt (Ehepaarzimmer). 
Als spezielle Zweige der Fürsorge seien noch die 
Siechenhäuser für unheilbare Kranke sowie die Bes- 
serungsanstalten in Korneuburg und am Reuhof ge- 
streift, welch letztere durch Heranziehung der Inter- 
ıerten zu handwerksmäßiger und landwirtschaftlicher 
Arbeit aus diesen gesellschaftlich gestrandeten Menschen 
wieder brauchbare Mitglieder der menschlichen Ar- 
beitsgemeinschaft machen sollen. ° 
Schulwesen. 
Die Kriegszeit mit ihrer großen Kindersterblichkeit 
und dem starken Geburtenrückgang machte sich natür- 
‘ich auch im Schulwesen nach dem Kriege fühlbar und 
:3s mußte in den ersten Jahren zu einem Abbau von 
Klassen und damit auch von Lehrpersonal geschritten 
werden. Auch die ungünstigen finanziellen Verhältnisse 
wirkten hemmend auf den Ausbau unseres Schulwesens. 
Doch auch hier setzte, sobald es die Umstände nur 
1albwegs gestatteten, im Lande Niederösterreich, das 
;chon im Frieden durch seine mustergültigen Schulen 
berühmt war, eine ‘erfreuliche Aufwärtsbewegung ein. 
Abgesehen von den Mittelschulen, die vom Bunde über- 
nommen worden waren und sich günstig entwickelten, 
hat vor allem der Typ der Bürgerschule und jetzigen 
Hauptschule, welcher den Bedürfnissen der erwerbenden 
Stände am meisten entspricht, eine wesentliche Aus- 
zestaltung erfahren. Ein ganz außerordentliches Interesse 
‚ür die fachliche Ausbildung ergab sich sowohl in den 
landwirtschaftlichen als auch gewerblichen Kreisen. 
Den Verhältnissen auf dem Lande Rechnung tragend, 
hat die Landesschulbehörde auch darauf gesehen, daß 
ichon in den öffentlichen Volks- und Bürgerschulen den 
;chülern fachliche Kenntnisse vermittelt werden. Zu 
liesem Zwecke wurden daher auch Kurse für Lehr- 
yersonen abgehalten, um sie zum Unterrichte in land- 
virtschaftlichen Fragen in der Schule zu befähigen. Sehr 
\septischer Operationssaal mit der schattenlosen Zeißschen Kugelspiegel- 
lampenbeleuchtung im städtischen Krankenhaus Wr. Neustadt 
als 2,701.097 Schilling an Alimenten hereingebracht. 
Viel größere Summen an Unterhaltsbeiträgen werden 
von den Eltern freiwillig über Einwirkung der Berufs- 
‚ormundschaft in Geld oder in natura geleistet. 
£ine besonders erzieherische Tätigkeit entfalten die 
Berufsvormundschaften als Jugendgerichtshilfe. 
Was die Heimfürsorge anlangt, so wird nunmehr 
an dem modernen Grundsatze festgehalten, nur kör- 
verlich, geistig und sittlich gefährdete Jugend in Heimen 
unterzubringen. Die Heime wurden immer mehr zu 
Spezialheimen ausgebaut. 
Ein vollständig neuer Fürsorgezweig entwickelte sich 
arst nach dem Kriege: die Erholungsfürsorge, 
welche jährlich 4000 Kinder in die Ferienheime der 
ıiederösterreichischen Landes-Jugendfürsorge bringt, 
zu welchem Zweck eine größere Anzahl von Ferien- 
heimen in den schönsten Teilen unseres Heimatlandes 
zur Verfügung stehen. Auch die Förderung des Jugend- 
wanderns und des Jugend-Wintersports hat sich die 
Fürsorge zur Aufgabe gemacht. Von Hilfseinrichtungen 
der offenen Jugendfürsorge seien noch genannt: 300 
MVlutterberatungsstellen unter ärztlicher Leitung, eine 
ebenfalls ärztlich überwachte Schulfürsorge, die heute 
bereitsin 400 niederösterreichischen Schulen Tausende 
von Kindern gesundheitlich fördert. 
Die Armenfürsorge. 
Seit dem Bestande der Republik erfuhr die öffent- 
liche Fürsorge auch im Lande Niederösterreich einen 
besonderen Ausbau, der durch die Not der Bevöl- 
kerung beeinflußt war. Die im Lande Niederösterreich 
bestehende Organisation der öffentlichen Fürsorge nach 
dem sogenannten Elberfelder System, die sich in mehr 
als 35 jähriger Praxis gut bewährt und in der Bevöl- 
kerung fest verwurzelt hat, ermöglichte es, den großen 
Anforderungen an die öffentlichen Fonds zum Großteil
	        
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