Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

i. Rationalisierung und Religion J 125 
nicht zum kapitalistischen Erwerb, sondern zur Bedarfsdeckung dient, 
namentlich das Kunsthandwerk und die bäuerliche Arbeit, daneben 
Musik, Dichtung und mystische Spelkulation. Seelenfeindlich dagegen sind 
alle weltlichen Gebilde um ihrer selbst willen: die Wirtschaft, das Recht, 
die Kunst, die rationale Technik und Wissenschaft. „Im letzten Grunde 
bleibt als ideale Forderung und damit als Beunruhigung des christlichen 
Gewissens bestehen, daß die Beschäftigung und das Arbeiten an den 
weltlichen Dingen doch nur insoweit recht ist und von göttlichem Gebot 
getragen wird, als sie auf die einfachste Lebenshaltung und Be⸗ 
dürfnisbefriedigung und auf die ehrliche Lobpreisung Gottes durch 
Kunst und Geist abzieltx).“ Das Ziel der katholischen Kirche als der äl⸗ 
testen und konservativsten christlichen Einrichtung ist daher ein statisches, 
das durchaus und immer dynamischen Veranderungen widerstrebt. 
Die Macht des Fortschritts konnte jedoch durch diese Zielsetzung nicht 
aufgehalten werden. Reformation und Renaissance haben das dies⸗ 
seitige Leben der Gesellschaft und seine Ordnung auf eine neue reli⸗ 
giöse Basis gestellt, Transzendental⸗Philosophie und Aufklärung die 
Entwicklung im Sinne und in der Richtung der Rationalisierung des 
Lebens weitergeführt: Auch die katholische Kirche hat sich dem Prinzip 
der Immanenz des Religiosen in der Welt nicht mehr zu verschließen 
vermocht und durch die Verbindung mit der sozialen Frage den 
Kontalt zwischen dem sozialwirtschaftlichen Leben und den religiösen 
Forderungen Rechnung getragen. In dem gleichen Maße aber, in 
welchem die weltlichen Werte ihre Aufmerksamkeit beanspruchten, 
wuchs auch ihr Verlangen, diese Werte wenigstens auf einer höheren 
Ebene in einem religissen Einheitspunkt zusammenfließen zu lassen, 
die Gegensaͤtzlichkeit des sozialen Daseins in der Totalität der religiösen 
Sphaäre aufzuheben. 
In den alten Religionen galt es für selbstverständlich, daß das 
Interesse des Gottes sich nur der Totalität zuwenden könne. Als 
x) Werner Mahrholz, Wirtschaft und Christentum, Karlsruhe 1925, Verlag 
Braun, G. m.b. H.
	        
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