Full text : Mittheilungen aus der Geschäfts- und Sterblichkeits-Statistik der Lebensversicherungsbank für Deutschland zu Gotha für die fünfzig Jahre von 1829 - 1878

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I.  Theil.  Statistik  der  Anträge,  Ablehnungen,  Aufnahmen  und  Abgänge.

Es  gehen  ein:
in  den  ersten  IO  Jahren  durchschnittlich  1391  Anmeldungen
»  »  zweiten  »  »  »  1442  »
»  »  dritten  »  »  »  1721  »
»  »  vierten  »  »  »  2703  »
»  »  fünften  »  »  »  4426  »
Die  Qualität  der  Anmeldungen  wird  gekennzeichnet
theils  durch  die  Höhe  der  Summen,  theils  durch  die  Menge
und  den  Betrag  der  Ablehnungen,  theils  endlich  —  insofern  die
Anmeldungen  zu  Versicherungs-Abschlüssen  geführt  hatten  —
durch  Zahl  und  Betrag  der  Abgänge  durch  Austritt  und  Tod.
Die  Höhe  der  zur  Versicherung  beantragten
Summen  ist  bei  der  Gothaer  Bank  —  nach  deutschem  Maase
gemessen  —  immer  ziemlich  beträchtlich  gewesen.  Es  kann
dies  nicht  aus  einer  verfassungsmäsigen  oder  absichtlichen
Ausschliessung  kleiner  Anträge  erklärt  werden  ;  denn,  wenn
auch  gleich  Anfangs  das  Minimum  auf  500  Thaler  festgesetzt
wurde,  so  reducirte  man  es  doch  schon  im  Jahre  1830  auf
300  Thaler  und  wurden  schon  ziemlich  frühzeitig  auch  Versicherungen ­
  über  noch  kleinere  Beträge  ausnahmsweise  gestattet;
auch  hat  die  Verwaltung  niemals  die  grossen  Anträge  irgendwie ­
  bevorzugt,  oder  die  kleinen  irgendwie  erschwert.  Jene
Erscheinung  wird  zurückzuführen  sein  auf  den  Durchschnittscharakter ­
  der  Agenten  der  Bank,  welche  stets  den  bessersituirten
  Klassen  der  Bevölkerung  angehörten,  und  dann  auf
die  Methode  des  Geschäftsbetriebes,  welcher  zwar  aller  anständigen ­
  Mittel  der  Werbung  sich  bediente,  aber  sich  stets
von  jener  Dringlichkeit  der  Ueberredung  fernhielt,  deren  es
bedarf,  um  auch  in  den  untersten  Schichten  der  Gesellschaft
die  Nachfrage  zu  steigern.
Man  wird  hieraus  der  Anstalt  einen  Vorwurf  nicht  machen
können,  zumal  wenn  man  bedenkt,  dass  sie  niemals  kleine
Versicherungen  um  deswillen,  weil  sie  klein  waren,  von  der
Hand  gewiesen  hat.  Wir  werden  an  anderer  Stelle  sehen,  wie
gross  zu  allen  Zeiten  auch  die  Zahl  ihrer  mit  kleinen  Beträgen
versicherten  Theilnehmer  gewesen  ist.
Aus  Tabelle  1.  1.  wird  ersichtlich,  dass  eingingen:
Versicher.-S.
im  ersten  Jahrzehnt  13  911  Anträge  über  64611300^.
»  zweiten  »  14419  »  »  61  304100  »
»  dritten  »  17  210  »  »  75619800  »
»  vierten  »  27028  »  »  144733  800  »
»  fünften  »  44264  »  »  289003250  »
in  Sa.  116  832  Anträge  über  635272250  J6.
oder  durchschnittlich  im  Jahre:

im  ersten  Jahrzehnt  1391  Anträge  über

Versicher.-S.
6461  130^4
6  130410  »
7  561  980  »
I447338O  »
28900326  »

»  zweiten  »  1442  »
»  dritten  »  1721  »
»  vierten  »  2703  »
»  fünften  »  4426  »
Der  Durchschnittsbetrag  der  beantragten  Versicherungs-Summen ­
  bewegt  sich  in  einer  Curve;  er  sinkt
im  zweiten,  erhebt  sich  wieder  um  ein  Weniges  im  dritten
Jahrzehnt,  und  steigt  dann  beträchtlich  im  vierten,  noch  mehr
aber  im  fünften  Jahrzehnt.  Es  kommen  nämlich  auf  einen
Antrag
im  ersten  Jahrzehnt  durchschnittlich  4645  Jt>.
»  zweiten  »  »  4252  »
»  dritten  »  »  4394  »
»  vierten  »  »  5355  »
»  fünften  »  »  6529  »
Für  den  Rückgang  im  zweiten  Jahrzehnt  wissen  wir  einen
Grund  nicht  anzugeben;  die  dann  folgenden  Steigerungen
werden,  zumal  in  der  zweiten  Hälfte  des  ganzen  beobachteten

;  Zeitraumes  offenbar  grössere  Anstrengungen,  als  früher,  gemacht
worden  sind,  um  auch  kleine  Versicherungen  zu  erlangen,
I  theils  auf  Rechnung  der  Erhöhung  des  Maximums,  theils  auf
Rechnung  des  in  den  letzten  Jahrzehnten  bekanntlich  allgemein
!  hervorgetretenen  Preisrückganges  des  Geldes  zu  schreiben  sein.
Die  Maximal-Versichcrungs-Summe  auf  ein  Leben  wurde
ursprünglich  auf  5000  Thaler  festgesetzt;  sie  wurde  dann  noch
1829  auf  6500,  1830  auf  7000  Thaler,  1831  auf  8000,  1837
auf  10  OOO,  1856  auf  15000,  endlich  1866  auf  20000  Thaler
normirt.  Diese  allmähliche  Erhöhung  ist  ohne  Zweifel  von
Einfluss  gewesen  auf  die  Steigerung  der  Durchschnittshöhe  der
beantragten  Versicherungen.
Im  Weiteren  (II.  Abschnitt)  zeigt  unsere  Tabelle  I,  wie
viele  von  den  eingegangenen  Anträgen  jährlich  abgelehnt ­
  werden  mussten,  und  über  welche  Beträge
dieselben  lauteten.
Die  Bank  kann  Personen,  welche  nicht  im  Bankgebiete
ihren  Wohnsitz  haben,  ferner  solchen,  welche  nicht  »einen
unbescholtenen  Ruf  haben«,  weiter  solchen,  welche  das
15-  Lebensjahr  noch  nicht  erreicht,  oder  das  67.  überschritten
haben,  dann  Personen,  welche  »im  Seedienste  stehen«,  endlich
Personen,  welche  nicht  »einer  guten  Gesundheit  gemessen«,
Versicherung  nicht  gewähren.
Während  die  ersteren  Momente  die  Bankagenten  veranlassen ­
  könnten,  Antragsteller  von  sich  aus  a  limine  abzuweisen, ­
  weil  die  einschlagenden  Verfassungsbestimmungen  die
Nichtannehmbarkeit  von  Anträgen  der  hier  fraglichen  Art
deutlich  und  kategorisch  aussprechen,  werden  doch  nicht  selten
auch  Anträge  von  ausserhalb  des  Bankgebietes  Wohnenden,
von  Bescholtenen,  von  unter  15-  und  über  67-Jährigen,  von
Personen,  welche  im  Seedienste  stehen,  eingereicht.  Unter  der
Zahl  der  Abweisungen  befinden  sich  daher  immer  auch  einige,
welche  aus  den  ebengedachten  bestimmten  verfassungsmäsigen
Gründen  erfolgen  mussten.
Die  überwiegende  Mehrzahl  der  Abweisungen  betrifft  aber
solche  Personen,  welche  der  guten  Gesundheit  ermangeln,  und,
i  weil  dieser  Abweisungsgrund  meistens  nicht  früher  zu  con-,
  statiren  ist,  als  bis  das  gesammte  Prüfungsmaterial  vorliegt,
meistens  nicht  schon  von  den  Bankagenten  gleich  a  limine
abgewiesen  werden  konnten.
Die  Bank  fordert,  wie  alle  anderen  Lebensversicherungs-Anstalten,
  nicht  völlige  oder  ideale  Gesundheit  von  Denen,  die
sie  zur  Versicherung  aufnimmt;  aber  sie  fordert  normale
Gesundheit,  d.  h.  denjenigen  Zustand,  bei  welchem  lebensgefährdende ­
  oder  lebensverkürzende  Krankheitsanlagen  oder
Lebensgewohnheiten  mit  den  Mitteln  der  wissenschaftlichen
Untersuchung  und  der  gewöhnlichen  sorgfältigen  Beobachtung
nicht  erkennbar  sind.  Wo  durch  die  vorgelegten  Zeugnisse  und
die  angestellte  Untersuchung  die  Ueberzeugung  gewährt  wird,
dass  jenes  Maas  von  Gesundheit  vorhanden  ist,  findet  die  Aufnahme ­
  statt.  Es  müssten  denn  in  dem  Berufe  des  Antragstellers ­
  und  in  der  voraussichtlichen  Beeinflussung  der  Gesundheit
und  Lebensdauer  durch  die  regehnäsige  Beschäftigung  gewichtige ­
  Bedenkensmomente  liegen.
Wie  bei  allen  menschlichen  Erwägungen  und  Entscheidungen, ­
  so  laufen  auch  bei  der  Prüfung  der  Annehmbarkeit
in  den  Kreis  der  Versicherten  Irrthümer  unter.  Unter  den
Aufgenommenen  finden  sich  Viele,  welche,  wie  die  Erfahrung
nachmals,  oft  sehr  bald  schon,  zeigte,  jener  normalen  Gesundheit, ­
  welche  man  bei  ihnen  voraussetzte,  ermangelten.  Andererseits ­
  bestätigt  die  Erfahrung,  dass  Manche,  welche  wegen  nicht
normaler  Gesundheit  abgewiesen  wurden,  sich  doch  als  sehr
wohl  aufnehmbar  erwiesen.  Leider  lassen  sich  nur  solche
Irrthümer  zwar  hinsichtlich  der  Aufgenommenen,  deren  Gesundheitsverhältnisse ­
  nach  der  Aufnahme  weiter  beobachte^
            
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