Full text : Mittheilungen aus der Geschäfts- und Sterblichkeits-Statistik der Lebensversicherungsbank für Deutschland zu Gotha für die fünfzig Jahre von 1829 - 1878

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I.  Theil.  Statistik  der  Anträge,  Ablehnungen,  Aufnahmen  und  Abgänge.

Im  Allgemeinen  freilich  kehrt  das  Bild  der  I.  Hauptspalte
wieder  ;  nur  dass  die  Zahl  der  Versicherungen  im  zweiten  ;
Jahrzehnt  verglichen  mit  dem  ersten  in  etwas  stärkerem  Verhältnisse ­
  sinkt,  im  dritten  und  vierten  verglichen  mit  dem
zweiten  und  dritten  eine  geringere,  im  fünften  Jahrzehnt  aber,
verglichen  mit  dem  vierten  eine  etwas  stärkere  Steigung  aufweiset, ­
  als  die  der  Anträge.
Weil  die  Abweisungen,  wie  bemerkt,  vorzugsweise  Anträge
mit  grösseren  Summen  betrafen,  sind  die  Durchschnittssummen
der  perfect  gewordenen  Versicherungen  stets  kleiner,  als  die
der  eingegangenen  Anträge.
Es  ist  hier  der  Ort,  einen  thatsächlichen  Beweis  für  die
oben  ausgesprochene  Behauptung  beizubringen,  dass  auf  die
Zu-  oder  Abnahme  der  Versicherungen  allgemein  wirkende
Ursachen  bei  einer  grösseren  Zahl  von  Versicherungs-Anstalten
in  ihren  Wirkungen  bisweilen  deutlicher  erkennbar  sind,  als
bei  einer  einzelnen  Anstalt,  ja  dass  bei  der  letzteren  diese
Wirkungen,  welche  dort  deutlich  erkennbar  sind,  völlig  verwischt ­
  werden  können.
Bei  sämmtlichen  im  Geschäftsgebiete  der  Bank  domicilirenden
Lebensversicherungs-Anstalten  ist  von  dem  Jahre  1872,  dem
der  noch  jetzt  herrschenden  grossen  wirtschaftlichen  Krisis
letztvorhergehenden  Jahre,  an,  bis  zum  Schlüsse  des  Jahres  1877,
bis  wohin  wir  zur  Zeit  erst  diese  Thatsache  zu  constaten
vermögen,  der  Zugang  an  Versicherten  und  Versicherungs-Summe
  von  Jahr  zu  Jahr  gesunken.  Es  betrug  nämlich  bei
diesen  Anstalten  der  Zugang  verglichen  mit  dem  —  freilich  bei
den  meisten  Anstalten  stets  durch  Abgänge  bei  Lebzeiten  in
aussergewöhnlichem  Maase  verringerten  Bestände  je  am  Schlüsse
des  Vorjahres:
in  der  Zahl  der  Versicherten:
1873  1874  1875  1876  1877
16,35  %.  15,15  °/o.  13,62%.  12,44%.  10,57%.
in  der  Versicherungs-Summe:
1873  1874  1875  1876  1877
18,15%.  17,30%.  15,91%-  14,63%.  12,81%.
während  die  Hauptspalte  111.  unserer  Tabelle  1  bei  der  Gothaer
Bank  zwar  für  1873  verglichen  mit  1872  einen  Minderzuwachs,
dann  aber  von  1873  ab  ebensowohl  hingesehen  auf  die  Zahl
wie  auf  die  Summen  der  Versicherungen  einen  fast  stetig
steigenden  Zuwachs  aufweiset.  Der  Einfluss  der  Krisis,  welcher
sich  im  Gesammtgeschäft  so  deutlich  bekundet,  ist  bei  dieser
einen  Anstalt  —  wie  auch  noch  bei  einigen  anderen  deutschen
Anstalten  —  durch  besondere  Anstrengungen  und  organisatorische
Maasnahmen  erfolgreich  neutralisirt  worden.

II.  Kapitel.
Arten  der  Versicherungen.
Die  Lebensversicherungsbank  für  Deutschland  hat  von  jeher
nur  wenige  Versicherungsarten  cultivirt  ;  eine  der  ursprünglich
in  den  Plan  mit  aufgenommenen  Arten,  nämlich  die  kurze
Versicherung,  kommt  seit  Ende  Mai  1874  gar  nicht  mehr  zur
Anwendung.  Es  wurde  von  dieser  Versicherungsart  nicht  nur
ein  sehr  geringer,  von  Jahr  zu  Jahr  sich  vermindernder  Gebrauch
gemacht,  sondern  die  Verwaltung  konnte  auch  die  Benutzung
derselben  nicht  empfehlen,  da  selbst  die  besonderen  Zwecke,
für  welche  man  die  kurze  Versicherung  für  geeignet  zu  erklären
pflegt,  mit  Hülfe  der  eigentlichen  Lebensversicherung,  der  Versicherung ­
  auf  den  Todesfall,  bei  welcher  ja  nach  den  Einrichtungen ­
  der  Bank  der  Vertrag,  selbst  schon  nach  einjährigem  1
Bestände,  gegen  Abgangsvergütung  gelöst  werden  kann,  mit

geringeren  Opfern  zu  erreichen  sind.  Uebtrhaupt  zeigt  die  Erfahrung, ­
  dass  in  Deutschland  unter  allen  Modalitäten  der
Capital  Versicherung  die  Versicherung  auf  den  Todesfall  weitaus
am  meisten  benutzt  wird.  Und  wie  mannigfaltig  auch  die
Versicherungstechnik  unter  dem  Einflüsse  der  Concurrenz
wiederum  die  Capitalversicherung  auf  den  Todesfall  ausgebildet
hat  —  es  überwiegen  auch  hier  in  der  Benutzung  weitaus  die
einfachsten  Formen,  mit  denen  man  bei  einiger  Beweglichkeit
hinsichtlich  der  Prämienzahlung  und  unter  Hinzunahme  eines
rationell  geregelten  Abgangsverfahrens,  den  verschiedenartigsten
Bedürfnissen  in  vollkommen  zweckmäsiger  Weise  entsprechen
kann.  Das  Bestreben,  dem  Publicum  für  jedes  auf  dem  Wege
der  Lebensversicherung  im  weitesten  Sinne  des  Wortes  zu  befriedigende ­
  Bedürfniss  eine  eigens  hierauf  berechnete,  besonders
benannte,  Versicherungsform  zu  bieten,  soll  nicht  unterschätzt
werden.  Allein  dasselbe  artet  nur  zu  leicht  in  Spielerei  aus,
belastet  die  Verwaltung  mit  einem  grossen  Ballast  von  Tarifen
und  Registern,  und  führt  nur  zu  häufig  zu  Modalitäten,  welche
nur  scheinbar  einem  specifischen  Bedürfnisse  in  der  sichersten,
billigsten  und  unmittelbarsten  Weise  entsprechen,  in  Wirklichkeit ­
  aber  durch  eine  der  einfachsten  und  gebräuchlichsten  Formen
vollkommen  und  in  jeder  Beziehung  vortheilhaft  ersetzt  werden
können.
Tabelle  11  verdeutlicht  die  Benutzung  der  vier  Hauptversicherungsarten ­
  bei  der  Lebensversicherungsbank  für  Deutschland. ­
  Hauptspalte  1  zeigt,  dass  die  sogenannten  kurzen  Versicherungen ­
  auf  dem  Aussterbeetat  stehen.  Im  Jahre  1874
wurde  die  letzte  solche  Versicherung  abgeschlossen;  da  der
längste  Termin,  auf  welchen  die  Verträge  dieser  Gattung  lauten
konnten,  zehn  Jahre  betrug,  so  werden  in  wenigen  Jahren
solche  Verträge  gar  nicht  mehr  bestehen.
Das  Hauptcontingent  bilden  die  gewöhnlichen  einfachen
Todesfall-Versicherungen  (Lebensversicherungen  im  engeren
Sinne),  über  deren  Bestand  je  am  Jahresschlüsse  die  Hauptspalte ­
  2  Nachricht  giebt.
Hauptspalte  3  und  4  verdeutlichen  die  Benutzung  zweier
Modalitäten  der  Lebensversicherung,  von  denen  die  eine  erst
durch  die  neue  Bankverfassung  vom  1.  Januar  1840,  die  andere
durch  eine  Zusatzbestimmung  vom  28.  Mai  1841  eingeführt
wurde.
Man  sieht,  dass  die  Ueberlebensversicherungen  (Sp.  3)
erst  im  letzten  Jahrzehnt  einigermaasen  reichlich  benutzt
werden.  Die  Aufzeichnung  enthält  ebensowohl  die  einfachen
Ueberlebensversicherungen  (A.  versichert  eine  Summe,  welche
zur  Auszahlung  gelangt,  wenn  B.  ihn  überlebt),  wie  die  gegenseitigen ­
  (A  und  B  versichern  je  die  gleiche  Summe,  welche
zur  Auszahlung  kommt,  sobald  einer  von  beiden,  gleichviel
welcher,  stirbt)  und  zwar  sind  bei  der  letzteren  Gattung  auch
dann,  wenn  der  Vertrag  durch  eine  Police  verbrieft  wurde
(»Verbundene  Ueberlebensversicherung«)  in  der  Personenspalte
stets  zwei  Personen  und  in  der  Summenspalte  zwei  gleiche
Summen  für  jeden  solchen  Vertrag  gezählt.
Auch  die  sogenannte  »abgekürzte«  (oder  »Alternativ-«)
Versicherung  (Hauptspalte  4)  erfreut  sich  erst  in  den  letzten
zehn  Jahren  einer  stärkeren  Benutzung.  Sie  kann  u.  A.  als
zweckmäsigste  Form  der  Aussteuer-  und  der  Invaliditäts-Versicherung ­
  benutzt  werden;  die  Verwaltung  pflegt  sie  in  solchen
Fällen  zur  Bedingung  zu  machen,  wo  bei  Antragstellern  zwar
zur  Zeit  normale  Gesundheit  constatât  ist,  aber  irgend  ein  besonderer ­
  Umstand,  sei  es  eine  vermuthete  Krankheitsanlage,
sei  es  der  Einfluss  des  Berufes,  befürchten  lässt,  daäs  das
normale  Lebensziel  nicht  werde  erreicht  werden.  —
Die  Tabelle  würde  ein  bunteres  Bild  zeigen,  wenn  sie
neben  der  Benutzung  der  verschiedenen,  in  ihrer  rechtlichen
Bedeutung  von  einander  abweichenden  Hauptarten  auch  die
            
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