11. Kapitel. Beeinflussung der Arbeitsbedingungen durch Koalitionen. 289
in Zeiten des Aufschwungs, und diese bieten ihnen unter sonst gleichen
Verhältnissen bessere Aussichten auf Erfolg. In solchen Zeiten ver
schieben sich die wirtschaftlichen Machtverhältnisse zu gunsten der
Arbeiter. Die Arbeitgeber wollen und müssen die besseren Zeitum
stände möglichst voll ausnützen. Eine Unterbrechung der Arbeit
durch einen Ausstand würde ihnen gerade dann sehr unbequem sein.
Überdies ist es in Zeiten des Aufschwungs schwerer, Ersatz für die
ausständigen Arbeiter zu finden, da allenthalben die Nachfrage nach
Arbeitskräften groß ist. Das nötigt die Unternehmer zu größerem
Entgegenkommen. Auf der anderen Seite sind sie aber auch, weil
ihre eigene Lage günstiger ist, zu Zugeständnissen an die Arbeiter
mehr geneigt und imstande. In Zeiten des Niedergangs ist ihre Fähig
keit und Geneigtheit zu Zugeständnissen wegen ihrer eigenen un
günstigeren Lage viel geringer und ihr Widerstand viel zäher. Sie
brauchen auch um Ersatz für die ausfallenden Arbeitskräfte nicht
besorgt zu sein, da die Arbeitsgelegenheit seltener und der Wett
bewerb um Erlangung von Arbeitsgelegenheiten schärfer ist. Überdies
•wächst bei längerer Dauer der schlechten Marktlage bei den Unter
nehmern das Bemühen, die Arbeitsbedingungen ihren Interessen wie
der mehr anzupassen. Die Arbeiter haben deshalb mehr als sonst
Anlaß zu Abwehrausständen, und selbst für diese sind die Aussichten
auf Erfolg geringer. Noch mehr gilt das von Angriffsausständen, die
in Zeiten des Niederganges meist aussichtslos sind.
Wenn die Arbeiter und ihre Führer sich diese Tatsachen immer
vor Augen hielten, würde mancher mißglückte Ausstand unterblieben
sein. Im übrigen ist nach dem Gesagten klar, daß die Aussichten
auf Erfolg der Ausstände in den einzelnen Jahren sehr ungleich sind.
Dasselbe gilt natürlich auch für die Aussperrungen. Nur sind hier
die Aussichten auf Erfolg gerade dann größer, wenn sie für die Ar
beiter geringer sind.
Außer den zeitlich wechselnden Einflüssen wird den Arbeitern
der Erfolg dauernd erschwert durch die Schwierigkeit, eine größere
Zahl von Ausständigen, die doch sämtlich nur eine geringe wirtschaft
liche Widerstandsfähigkeit haben, längere Zeit hindurch ohne Arbeit
zu erhalten, und durch die leichtere Verständigung der ihnen gegen
überstehenden geringeren Zahl von Unternehmern über Gegenmaß
regeln. An und für sich müßten hiernach die Unternehmer bei den Aus
sperrungen größeren Erfolg haben, als die Arbeiter bei den Ausständen.
Aber in Wirklichkeit ist das keineswegs immer der Fall. Zum großen
Teil erklärt sich das aus der Tatsache, daß die „öffentliche Meinung“
sich oft auf die Seite der Arbeiter stellt.
Nach der amtlichen Statistik wurde in Deutschland erzielt bei
den im Berichtsjahre beendeten
van der Borght, Grnndz. d. Sozialpolitik. 19