35
3'
II. D i e Korruption der sozialen Sitte und
Sittlichkeit durch die Prostitution.
Die Prostituierte der Großstadt drückt die soziale Stellung
der großstädtischen Frau herab. Der Großstädter überträgt bielsach
seine aus dem Verkehr mit Dirnen geschöpfte Mißachtung der Frau
auf seine gesamten Beziehungen zum weiblichen Geschlecht. Gerade
die Prostituierte bildet eine ernste Gefahr für alle aus die Gleich
berechtigung der Frau mit dem Manne hinzielenden Bestrebungen.
Die für ihre Rechte kämpfende Frau hat daher mit ganzem Nach
druck an der Beseitigung der sozialen Grundursachen der Prostitu
tion zu arbeiten. Ein bloßes verächtliches Naserümpfen über das
feile Mädchen ist am allerwenigsten in den Kreisen der für ihre
Emanzipation streitenden Frauen am Platze. Wird die unterste
Schicht der weiblichen Bevölkerung gehoben, so steigt die ganze'
Frauenklasse empor. Trocknet der Sumpf der Prostitution ein, so
können keine unglücklichen weiblichen Wesen mehr in diesen Sumpf
fallen und dort ihr Menschentum verlieren. Das Weib steigt in
seiner Menschenwürde cinpor, wenn ,— man erlaube den drastischen
und doch so charakteristischen Volksausdruck ■— das „Mensch", der
zur Sache erniedrigte Mensch, beseitigt ist. Die Aufhebung der
Prostitution -des Weibes ist ein notwendiger Schritt zur wirklichen
Menschwerdung des Weibes.
Die verputzte, aufgedonnerte Prostituierte mit ihren auffälligen,
grob sinnlichen Manieren verdirbt die soziale Sitte. In den Moden
drängt sich das sexuelle Moment unter dem Einfluß der Prostitution
schamlos hervor. Die Umgangsformen vergröbern sich, ein zwei
deutiger Ton kommt im geselligen Verkehr auf, die Zote stiehlt
sich in die Gassenhauer und in die Kindergcspräche. Ein moralischer
Ansteckungsstoff wird in der Großstadt von Klasse zu Klasse getragen.
Dieser Anstcckungsstoff kreist am schnellsten dort, wo die Menschen
-hart Leib an Leib und Geist an Geist gerückt sind.
Der Luxus der besitzenden Klassen wirkt gerade in den Groß
städten korrumpierend auf die riesigen Massen von brüchigen,
lumpenproletarischen Elementen ein. Ständig haben diese Cleiuente
das Phäakenleben, das zahlreiche großbürgerliche Kreise führen, vor
Augen. Vor den Hungernden lebt das Schlaraffenland der ge
bratenen Tauben und Spanferkel in den taghell erleuchteten Schau
fenstern der Delikateß- und Kolonialwarengeschäfte auf. Die in
Lumpen Gehüllten werden von dem Reichtum der farbenprächtigen
Gewänder der Modewarenhäuser berückt. Der wohlgenährte Vorder
hausmensch stößt auf den notdürftig gesättigten Hinterhausmenschen,
der reiche Bankiersohn begegnet der Tochter des armen Fabrik
arbeiters.
Die Augen und Ohren der armen Großstadtmädchen saugen
förmlich in der sie umgebenden Welt des Luxus Bedürfnisse auf,
deren Sättigung ihnen durch die Dürftigkeit ihrer Erwerbsmittel