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2. Kapitel
traurige soziale Verhältnisse zeigten, die Ursache in
einer zu dichten Bevölkerung suchte. Es lag scheinbar
nach dem ewig unabänderlichen Gesetz von Angebot
und Nachfrage auf der Hand, daß bei einem Ver
hältnis angebotener Stellen zu Stellensuchenden von
1:10 Lohndrückerei und Arbeitslosigkeit eintreten muß
ten. Die 9 Leute, die die eine Stelle nicht bekommen
konnten, waren eben zu viel auf der Welt. Zu unter
suchen, warum denn überhaupt 10 Geschöpfe bei einem
ihrer Mitgeschöpfe um „Stellen" betteln müssen, fiel
den wenigsten ein. Zwar die Vögel unter dem Himmel
und die Tiere auf dem Felde betteln nicht um „Stellen",
und ihr himmlischer Vater ernähret sie doch. Aber
der Mensch ist nicht so gut daran, er braucht „Stellen",
das ist nun mal so! Und wie bequem war diese
Lehre für alle die, die die Verantwortung für die
Gesetzgebung trugen. Jedem Notschrei von unten be
gegnete man mit der süffisanten Frage: „warum
vermehrt ihr euch so? Ihr seid selbst schuld an eurem
Elend, von euch und euresgleichen sind eben zu viele
auf der Welt." hatte man doch die „Wissenschaft" auf
seiner Seite, wenn man so dachte und redete. Ja, und
es gibt heute noch Nationalökonomen, die eine Herab
minderung der Rinderzahl der unteren Schichten für
die einzige Erlösung aus sozialer Not ansehen und
dementsprechend lehren.
Natürlich ist nicht gesagt, daß jeder Zuwachs der
Bevölkerung auch eine Bereicherung darstellt, wir kom
men hieraus noch bei Besprechung der Einwanderung
fremder minderwertiger Elemente zurück.
Niemand wird in einem idiotischen und verwahr
losten Rindersegen ein Glück für ein Volk erblicken,
aber wenn wir uns aus dem Grunde, daß uner-