210
richten, begnügt es sich damit, die Zeit durch einen geschäftigen
Müssiggang totzuschlagen.“*)
Um das zu beobachten, braucht man übrigens nicht
aufs Land hinaus zu gehen. Man schaue sich nur um,
wenn man im Hause Reparatur- oder Verschönerungsarbeiten
auszuführen hat. Mit welcher majestätischen Ruhe
führt der Anstreicher seinen Pinsel, mit welcher morbidezza
pfeift er sein Liedchen, wenn er eine Façade malt;
dabei kann man ganz deutlich sehen — und zwar mit dem
geschärften Auge des am Geldbeutel Gepackten, wenn es
sich um ein eigenes Haus handelt —, wohin der Mangel
eines persönlichen oder höheren Interesses die für die
Rechnung eines Unternehmers Arbeitenden führt.
Wer aber das Gegenstück zu diesem bekannten Gemälde
haben will, wer sehen will, wie gross der Arbeitseifer
in einer Gesellschaft sein würde, die alle ihre Mitglieder
moralisch und materiell am allgemeinen Wohl
interessiert, der gehe z. B. in eine der socialistischen
Bäckereien zu Brüssel, in diese luftigen und hellen, mit
den neuesten Verbesserungen ausgerüsteten Brotfabriken,
die eine Art Vorahnung von den Werkstätten der Zukunft
geben können. Dort findet man freie Männer, ohne
andere als die gegenseitige Controle. Sie verdienen fünf
Francs am Tage, arbeiten nur acht Stunden am Tage,
während die „weisseh Bergleute“ der kleinen Bäckereien
zwölf, dreizehn, vierzehn Stunden in dunkelen Kellern
schuften müssen. Aber während der acht Stunden arbeiten
die socialistischen Mannschaften mit höchster Anspannung,
mit heiligem Eifer und verrichten freudig für ihre Brüder
und sich selbst das modernisierte Wunder der Vervielfältigung
der Brote.
Ist das nicht der schlagende, der lebendige Beweis
dafür, dass die collectivistische Ordnung — d. h. in letzter
*) Piret: Traité d’économie rurale (Brüssel, 1890) II., pag.
187 und 189.