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Geschäftsmann und liberal sein haben denn auch viele Jahre hindurch bei
uns für ganz gleichbedeutende Begriffe gegolten, liberale Zeitungen oder höchstens
sog. unparteiische, in Wirklichkeit aber liberalisierende Generalanzeiger bildeten
die tägliche Lektüre der Geschäftsleute und auch heute noch wird bis zum Beweis
des Gegenteils zunächst als selbstverständlich angenommen, daß ein Gewerbetreibender
den Anschauungen der liberalen Partei von der unbeschränkten und
nie zu beschränkenden Gewerbefreiheit huldigt.
Solche „selbstverständliche Meinung" ist nun aber eine gewältige
Macht im öffentlichen Leben, vielleicht die größte, die es gibt. Nur
starke Naturen und sehr selbständig denkende Personen wagen gegen ihren
Stachel zu lecken. Das Gros stimmt, solange es keine Unbequemlichkeit von ihr
fühlt, laut zu, bis zu einem recht erheblichen Grad nimmt es aber auch noch
zutage tretende Unstimmigkeiten ruhig hin, und selbst bei direkten Widersprüchen
oder gar Schädigungen duldet es stumm den Druck des zwar nicht sichtbaren,
aber doch allgegenwärtigen Tyrannen.
In dieser Lage befinden sich gegenwärtig in Deutsch,
land weite Kreise des städtischen gewerblichen Mittelst
a n d e s.
§ 5.
bKtd&tcU ber Wo gibt es wohl bei uns einen Angehörigen des gewerblichen Mittelstandes,
"°cktehenben Er- ber nicht durch eigene Wahrnehmungen erfahren hätte, welche nachteilige Folgen
die liberale Lehre von der absoluten Gewerbefreiheit in der Praxis für ihn und
seine Standesgenossen hat, wo gibt es jemand, der das unter vier Augen nicht
ohne weiteres zugäbe, und wo gibt es jemand, der nicht speziell die Konsunwereine
und Warenhäuser als geradezu gefährliche Auswüchse der Gewerbefreiheit
bezeichnete?
Dazu kann man noch oft von Gewerbetreibenden Klagen über Spezialitäten
von Geschäftsschädigungen hören, die je nach dem Charakter der einzelnen
Branchen verschieden sind. Da klagt der eine über unlautere Konkurrenz der
Freibank, der andere zetert über den Magistrat, der den Kastellanen der einzelnen
Schulen den Verkauf von Schreibutensilien gestattet, ein dritter macht darauf
aufmerksam, daß es ungehörig sei, in der Post eine öffentliche Verkaufstelle für
Briefmarken einzurichten, deren Bedienung eine junge Verkäuferin deswegen
unentgeltlich versieht, weil ihr gestattet ist, Ansichtspostkarten mit zu vertreiben;
Kohlenhändler beschweren sich bitter über die jetzt sehr überhandnehmenden
Kohleneinkaufsvereine und deren Förderung durch Grubenverwaltungen, und so
geht es weiter. Und doch bekommt man, wenn man nach Anhören der Litaneien
mit dürren Worten auf die Wurzel aller dieser Übel aufmerksam macht und direkt
auf die zügellose Gewerbefreiheit als die liberale Quelle der aufsteigenden Nöte