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Dritter Teil,
eine Minderung des Schamgefühls mit der Zunahme der
Menschlichkeit Hand in Hand gehen.
Auch das Vorkommen von eigentlichen Sexualdelikten steht
mit der Kulturentwicklung eines Volkes in Verbindung. Das
Vorhandensein entsprechender hoher Ziffern in einem Lande
kann auf wilde, rohe, gewaltsame Sitten schließen lassen. Dieser
Schluß wird häufig ein richtiger sein. Häufiger aber noch wird
ar sich als ein voreiliger Fehlschluß herausstellen. Zwei Bei-
spiele sollen dies erhärten. Für einige Distrikte Siziliens und
Sardiniens, in denen die Zahl der Sexualdelikte eine beträcht-
liche ist, konnte festgestellt werden, daß sich ihre Bevölkerung
durch strengste Ehezucht und fernerhin durch das Fehlen jeg-
licher Prostitution auszeichnet. Sexualdelikte werden unter
Umständen also gerade in sexualsittlich sehr hochstehenden
Gegenden begangen. Ohne Übertreibung könnte sogar der
Satz aufgestellt werden, bei Annahme gleich großer Bruchteile
sittlich Verwilderter in jedem Lande sei die höhere Zahl er-
mittelter Sexualdelikte das Symptom einer im übrigen hohen
Geschlechtskultur. Denn es kann angenommen werden, daß
die betreffenden meist ehelosen Delinquenten beim Vorhanden-
sein von Dirnen oder bei laxer Handhabung der Ehepflicht
seitens vergnüglicher Ehefrauen Gelegenheiten genug gefunden
haben würden, ihre Geschlechtslust zu befriedigen, ohne mit
dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu geraten. Selbst ein
Dettingen kann nicht umhin, die sein moralstatistisches Lehr-
zebäude freilich nicht stützende These niederzuschreiben, daß
„die Städte, in welchen der geschlechtlichen Extravaganz be-
quemere Gelegenheiten sich zu betätigen geboten wird, trotz
ihrer oder gerade wegen ihrer größeren Korruption viel seltener
Notzuchtverbrechen aufweisen‘ 93,
Noch weniger einwandfrei ist die ersterwähnte Interpretation
hoher Ziffern von mit ehelichen Geschlechtsbeziehungen zu-
SS
9% Oettingen, S. 504.