Italien, Griechenland.
121
der weit geringeren Reisegeschwindigkeit konnte man die damals
in Betracht kommende Welt ungefähr in derselben Zeit bereisen
wie die heutige Kulturwelt. Dabei war das Reisen nichts Seltenes,
und die Leute, die in der Welt weit herumgekommen waren, sind
wohl verhältnismäßig nicht weniger zahlreich gewesen als heut
zutage, war es doch z. B. nichts Besonderes, in Massalia oder
Athen studiert zu haben.
Die Einverleibung Griechenlands ins römische Reich wurde im
großen und ganzen mit Schonung vorgenommen und den Städten
eine, wenn auch beschränkte, Autonomie belassen. Für die Entwick
lung der einzelnen Landschaften geschah allerlei, so suchte schon
Cäsar durch Kolonisation den verschiedenen Gemeinden zu helfen.
So kam Korinth wieder empor und trieb wie ehedem Industrie
und Handel. Aber die Folgen des Bürgerkrieges wurden in Grie
chenland nicht vollkommen überwunden. Die Entvölkerung, welche
in der Friedenszeit begonnen hatte (S. 104), wurde durch die Kriege
begreiflicherweise nicht aufgehalten (Plutarch, Über den Verfall der
Orakel 8). Schauerlich klingt die Schilderung, die wir von einer
Stadt auf Euböa aus dem Ende des ersten Jahrhunderts besitzen.
Zwei Drittel der Felder lagen verödet, vor allem wegen Mangels
an Arbeitskräften (Dio v. Prusa VII, 34). Trotz aller Fürsorge,
welche die Kaiser und reiche Private den Städten angedeihen ließen,
fehlte im allgemeinen eine ausreichende Verwaltung. Weder die
kaiserlichen Beamten noch die autonomen Städte waren den sozialen
Problemen auch nur irgendwie gewachsen. Mit Bauten und Spen
den allein war eben das kranke Land nicht zu heilen. Es half nichts,
daß z. B. Athen durch Hadrian der Getreidelieferungen teilhaftig
wurde sowie reicher Stiftungen zur Erhaltung armer Kinder
(S. 139). Während andere Provinzen zu Beginn der Kaiserzeit ihre
beste Zeit erlebten, war Griechenland im großen und ganzen im
Rückschritt begriffen. Textilindustrie und Kunsthandwerk bedeuteten
noch am meisten. Der Zwischenhandel bewirkte, daß in Athen und
besonders in Korinth das Geldgeschäft blühte, aber damit allein
konnte kein Land in die Höhe kommen.
Die Bedeutung der Gebiete des Schwarzen Meeres begann
für das Mittelmeer zurückzutreten, als die Römer ihre Eroberungs
politik in großem Stil begannen. Die Auswahl unter den getreide
produzierenden Ländern war nun weit größer als in den Zeiten,
die wir im vierten Kapitel behandelten, auch ging der Getreide
export seit der hellenistischen Zeit zurück, und es fand sogar gelegentlich