Arm und Reich.
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konnten (Plinius, Lobrede auf Trajan 29). Doch war der Ver
kehr nicht besonders sicher und konnte nicht immer aufrechterhalten
werden. Die Ordnung des Weltreiches wurde in der Kaiserzeit in
weit vollendeterer Weise zur Durchführung gebracht als in der
Republik, und die Fürsorge des Monarchen wurde den Provinzen
z. B. weit stärker zugewendet. Für sie begann auch damals eine
Zeit hoher Kultur. Die Beamten wurden nun im Zaume gehalten
und mehr kontrolliert (Dio Cassius LX, 11), wie denn überhaupt
in der Antike die Republiken in der Behandlung unterworfener
Gebiete vielfach weit kurzsichtiger vorgingen als die Monarchen.
Die im Frieden durch die Wirtschaftsordnung den Reichen gewährte
Übermacht über die Armen wurde in jeder Weise von ersteren
ausgenutzt und schließlich ein Abstand zwischen den Ver
mögen erreicht, den viele der bedeutendsten Herrscher vergebens
bekämpften. So hat sich z. B. Tiberius in einer Botschaft an den
Senat über die Geld- und Bodenmagnaten in einer Weise ge
äußert wie etwa Roosevelt über die Trustleute (Tacitus, An
nalen III, 53 f.): „Was soll ich zuerst einschränken und nach der
Väter Sitte wiederherstellen? Etwa der Landgüter unbegrenztes
Maß? Der Sklaven Zahl? Die Mannigfaltigkeit ihrer Natio
nalität? Die Silber- und Goldmassen? Des Erzbildners und
des Malers Wunderwerke? Was die Männer, ohne sich darin
von Weibern zu unterscheiden, anhaben, und all das, was die
Frauen besitzen, wodurch um einiger Steine willen unser Geld
zu fremden, ja sogar oft feindseligen Völkern geht? Mir ist nicht
unbekannt, daß man bei Gastmählern, und wenn man sonst
zusammenkommt, sich dagegen wendet und Maßhalten verlangt:
doch wenn einer mit Gesetzen kommt, Strafen verkündigt, so wer
den diese selben Leute schreien, der Staat werde umgewälzt, die
Vornehmsten gerade würden zugrunde gerichtet, niemand könne
Beschuldigungen entgehen. Aber nicht einmal körperliche Krank
heiten, die lange Zeit zu ihrer Entwicklung hatten, kann man an
ders als durch harte und scharfe Mittel bezwingen: des Menschen
Seele, verderbt und Verderber in einem, krank und begehrend,
kann nicht durch mildere Medizinen beruhigt werden, als es die
Leidenschaften sind, die sie entzünden. So viele Gesetze, die sich die
Vorfahren ausdachten, so viele, die der göttliche Augustus gegeben
hat, haben — jene, indem sie vergessen wurden, diese, was noch
weit verbrecherischer ist, indem man sie mißachtete — den Luxus
nur noch gefestigt. Denn, wenn man nach beni strebt, was noch
ANuG 258: Neurath, antike Wirtschaftsgeschichte. 9