Full text: Antike Wirtschaftsgeschichte

130 Achtes Kapitel. Ausbau und Ende der antiken Weltwirtschaft. 
nicht verboten ist, so muß man fürchten daß es verboten werde, 
doch hat man erst einmal sich ungestraft über Verbote hinweg 
gesetzt, so sind Furcht und Scham dahin." Viele jener Erscheinungen, 
die in der modernen Entwicklung aufstelen, kannte auch das unter 
gehende Rom: Massenarmut bei gewaltigem Reichtum, ungenügende 
Befriedigung der Lebensnotdurft auf der einen Seite, unsinnige 
Verschwendung auf der andern. Rom hat die Tatsache nicht be 
seitigt, neben dem hochentwickelten Markt war das Verteilungs- 
system ungenügend, und die gewaltigen, aber nicht systematischen 
Eingriffe reichten keineswegs aus, es zu reformieren. 
Die internationale Arbeitsteilung hatte früh dazu geführt, die 
für die Bevölkerung nötigen Zerealien zu importieren, und 
zwar, wie wir sahen, zum Teil aus nicht unterworfenen Ländern 
(S. 43). In der römischen Kaiserzeit hingegen gehörten die wich 
tigsten Getreideproduktionsgebiete dem Reiche an. Nichtsdestowe 
niger haben sich aus diesem Import zahlreiche Nachteile ergeben. 
Die agrarische Bevölkerung, die zahlreiche für den Staat wichtige 
Eigenschaften besaß, wurde in vielen Gegenden dadurch nicht etwa 
in neue Erwerbszweige gedrängt, sondern brotlos gemacht. Über 
dies hat die noch ungenügend entwickelte Verkehrstechnik die regel 
mäßige Versorgung der Großstädte durch Zerealien oft in Frage 
gestellt (Dio Cassius LV 22, 26). Trotzdem diente die Schiff 
fahrt in hervorragender Weise einer Ausgleichung der Produktion, 
indem durch Hungersnot bedrängten Provinzen Getreide zugeführt 
werden konnte (Plinius, Lobrede auf Trajan 32). Eine beson 
dere Schwierigkeit bestand darin, daß nicht zu allen Zeiten die 
See befahrbar war; so mußten die Schiffe oft in fremden Häfen 
überwintern (Apostelgeschichte 28, 11 ), da sie Stürmen nicht ge 
wachsen waren (Apostelgeschichte 27,14 f). Die Verkehrsschwierig 
keiten bereiteten denn auch den Kaisern nicht geringe Verlegen 
heiten, da ihre Popularität beim römischen Volke vielfach von der 
Regelmäßigkeit der Getreidezufuhr abhing und Störung in der 
selben leicht zu Tumulten, wohl gar zu Tätlichkeiten gegen den 
Monarchen führten (Sueton, Claudius 19). Trat zur Winters 
zeit Mangel ein, so konnte nur bei besonders günstiger Witterung 
an Zufuhr gedacht werden, während eine Verproviantierung zu 
Lande aus den Magazinen Italiens — wenn es solche in ge 
nügender Menge gegeben hätte — immer möglich gewesen wäre, 
hatten doch die Römer ehedem ihren im Felde stehenden Legionen 
Korn geschickt (Tacitus, Annalen XII, 43). Freilich war in nor-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.