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Getreideimport.
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malen Zeiten der Transport zu Wasser weit leichter als der zu
Lande. Diese Zustände veranlaßten einen Römer zu dem Aus
spruch: „Wir bebauen eben lieber Afrika und Ägypten, den Schissen
und dem blinden Ungefähr ist die Existenz des römischen Volkes
ausgeliefert" (Tacitus, Annalen XII, 43). Die Gefahr einer
Hungersnot war daher in Rom keine Seltenheit (Tacitus, Historien
IV, 52). Die Monarchen wendeten den getreideproduzierenden
Ländern sowie dem Hafen von Ostia (Dio Cassius LX, 11)
ihre besondere Sorgfalt zu (S. 124) und bemühten sich, auch den
Transport zu sichern, indem sie die Unternehmer mit Privilegien
ausstatteten. So veranlaßte Claudius, daß der Verlust von Ge
treideschiffen durch höhere Gewalt von Staatswegen gutgemacht
würde. Die Kaiser suchten auch die Tendenz zur Bildung wirt
schaftlicher Assoziationen für die Getreidelieferungen nach Rom und
später nach Byzanz auszunutzen, indem man die Assoziationen
erst vertragsmäßig zu bestimmten Leistungen verpflichtete, später
sie durch Zwang zusammenbrachte und durch Einführung der
erblichen Mitgliedschaft auf einer konstanten Mitgliederhöhe zu
halten suchte. Es wurden so dem Eigentum wieder Pflichten auf
erlegt und aus ihm eine Art erbliches Amt im Dienste der Ge
samtheit gemacht, freilich nur als Aushilfsmittel in der höchsten
Not und nicht im Rahmen einer allgemein durchgebildeten Reform
der Staatsordnung. So wurde das Beamtenpeisonal, das man
etwa nötig gehabt hätte, um Rom durch Getreide zu versorgen,
durch die Getreidehändler nebst allen dazu gehörigen Arbeitern
und Angestellten ersetzt, die sehr weitgehende Verpflichtungen mehr
oder weniger freiwillig — das hing von den Zeitläuften ab —
übernehmen mußten. Wie einst die großen Pächtervereinigungen
Rom mit Getreide versorgten (S. 112), so jetzt die Vereinigungen
der Getreidetransporteure, die die Naturalsteuern nach Rom
brachten. Diese Transportvereinigung bestand aber nicht etwa nur
aus einer Korporation, sondern für jede Funktion wurde eine
eigene Gruppe zum Vertrag herangezogen, es gab eine Korpora
tion derjenigen, die das Getreide vermessen mußten, so wie später
hin, als Brotspenden an die Stelle der Getreidespenden traten,
eine Korporation der Bäcker, und noch weitere Korporationen,
als Fleischspenden und Ölspcnden hinzukamen. Ein Teil des für
die Getreidespenden nötigen Getreides wurde als Tribut oder
Steuer eingehoben, ein Teil aber gekauft.
Die italischen Grundstücke, besonders die kleineren, waren auch in