6 Einleitung. Entwicklung der antiken Wirtschaftsgeschichte.
suchungen blieben verhältnismäßig unabhängig voneinander, bis
Mommsen die philologische Forschung mit der staatsrecht
lichen und politischen verband und durch seine Bemühungen
die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse Roms in der ganzen
Entwicklungszeit aufhellen half. Wie Böckh überaus viel für die
griechischen Inschriften tat, so hat er Hervorragendes für die la
teinischen geleistet und so die Behandlung vieler Probleme um
gestaltet oder überhaupt erst ermöglicht. Nationalökonomen haben
sich verhältnismäßig wenig mit der alten Wirtschaftsgeschichte be
schäftigt und wenn, so meist nur gelegentlich, wie z. B. der praktische
Politiker Rodbertus. Ausblicke auf die Antike hingegen treffen
wir häufig an. Daß Roscher sich mit der Antike beschäftigte, mag
hier deshalb besonders hervorgehoben werden, weil die historische
Schule späterhin sich im allgemeinen auf die mittelalterliche und
neuere Entwicklung beschränkte.
Die wirtschaftshistorischen Interessen erhielten in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts eine besondere Förderung, als immer
allgemeiner, zum Teil unter dem Einfluß der marxistischen Ge
schichtsphilosophie, der Zusammenhang zwischen Politik und Wirt
schaft untersucht wurde. Vor allem berücksichtigten die Historiker
die Wirtschaftsgeschichte immer mehr, aber auch Nationalökonomen
wandten sich zuweilen der Analyse mancher Erscheinungen zu, so
beschäftigte sich z. B. Bücher eingehend mit der Taxordnung Dio
kletians. Die Entzifferung und Deutung der Papyrus- und Ton
scherbenfunde trug viel dazu bei, ein lebendiges Bild von antikem
Wirtschaftsleben, besonders dem Ägyptens in der hellenistischen
Epoche sowie in der Kaiserzeit zu schaffen. Während man sonst
zu den allgemein gehaltenen Berichten die Details suchen mußte,
war hier die Aufgabe gestellt, aus einzelnen Details ein Ganzes
zu schaffen. Es wurde so das Interesse für viele wirtschaftliche
Einzelheiten, für die einzelnen Organisationsformen, Buchführung,
Tätigkeit der Banken und ähnliches geweckt. Vor allem ist so die
Möglichkeit vorhanden, die Häufigkeit mancher Erscheinungen ab
zuschätzen. Dies hat besondere Bedeutung durch eine Streitfrage
bekommen, welche mit allgemeineren geschichtsphilosophischen Be
trachtungen zusammenhängt.
Während viele die Ansicht vertraten, die Entwicklung der Mensch
heit gehe stufenweise von der Antike bis zur Gegenwart vor sich,
meinten andere, daß die antike Entwicklung allein alle jene Stufen
aufweise, welche wirkn der mittelalterlichen und neuzeitlichen kennen,