thumbs: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

3. Über die Bedeutung einer Industrialisierung der heutigen Rohstoffstaaten rc. 361 
3. Über die Bedeutung einer Industrialisierung 
der heutigen Nohstoffstaaten für die Exportindustrie 
Englands, Deutschlands usw. 
Von Leinrich Dietzel. 
Dietzel, tveltrvirtschast und Volkswirtschaft. Dresden, v. Zahn Iaensch, ;9<X>. 5.49—50, 
5, 66 — 68, S. 79— 75 und s. 79 ff. 
Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind England, Deutschland, Frankreich, die 
Schweiz, Belgien „Industriestaaten" geworden, d. h. hier hat sich die nationale 
Wirtschaft dahin entwickelt, daß derzeit die Rohstoffproduktion hinter dem nationalen 
Bedarfe zurückbleibt, die Industrieproduktion dagegen den nationalen Bedarf über 
schreitet. Sie exportieren Fabrikate, importieren Materialien und Lebensmittel. Aller 
dings exportieren sie auch Lebensmittel, wie Salz, Zucker, Bier, Branntwein, Wein 
und Materialien, wie Sämereien, Kohlen, Roheisen, Zeinent, und importieren auch 
Fabrikate in beträchtlicher Menge. Aber ihr Außenhandel erhält sein eigenartiges 
Gepräge dadurch, daß in der Ausfuhr die Fabrikate vorherrschen, in der Einfuhr die 
Materialien — vor allem Erze, Äölzer, Texttlstoffc — und die Lebensmittel. 
Umgekehrt sind andere Völker „Rohstofsstaaten" geworden, d. h. hier hat sich 
die nationale Wirtschaft dahin entwickelt, daß derzeit die Rohstoffproduktton den 
nationalen Bedarf überschreitet, die Industrieproduktion hinter ihm zurückbleibt. Das 
Charakteristikum ihres Außenhandels bildet die Tatsache, daß im Export die Rohstoffe 
— Lebensmittel und Materialien — vorherschen, im Import die Fabrikate. 
Wird diese Differenzierung der Nationen in Industrie- und in Rohstoffstaaten, 
diese „kosmopolitische" Arbeitsteilung zwischen Ländern, die einen Überschuß an 
Fabrikaten, und solchen, die einen Überschuß an Lebensmitteln und Materialien erzeugen, 
dauern? 
Von manchen Seiten wird heute die Frage mehr oder minder schroff verneint: 
es handle sich um ein nur kurzes Zwischenspiel der Wirtschaftsgeschichte. Denn mit 
wachsender Bevölkerungsziffer und wachsender inaterieller Kultur würden die Rohstoff 
staaten von heute sich „industrialisieren", würden künftig die Fabrikate, die sie jetzt von 
den Industriestaaten beziehen, selbst erzeugen, die Materialien und Lebensmittel, die 
sie jetzt nach den Industriestaaten senden, selbst verarbeiten und verbrauchen; und 
demgemäß würde in den Industriestaaten von heute die Exportfabrikaüon wiederein 
geschränkt, dagegen die Rohstoffproduktton wiederausgedehnt werden müssen. 
Allein selbst wenn die Behauptung, daß Industrialisierung der Rohstoffstaaten 
ein Schwinden des Exports der Industriestaaten bedeute, voll und ganz zuträfe, dürfte 
Westeuropa solcher Rückbildung seiner Volkswirtschaft, da sie nur allmählich vor sich 
gehen würde, gelassen entgegensehen. 
In Wahrheit ist aber jene Behauptung — sofern sie ihren Inhalt als gewiß, 
nicht bloß als möglich setzt — überaus anfechtbar. Sie beruht auf einem Irrtum, 
einem allerdings historisch ehrwürdigen Irrtum; denn er gehört zu denen, welche das 
sozialökonomische Denken als eine der Eierschalen seines Ursprunges in der Zeit der 
„Landelseifersucht" bis heute mit sich fortschleppt. 
„Ein Volk kann an Reichtum nur gewinnen, ivenn, und nur soviel gewinnen, 
wie ein anderes verliert". Im Bann dieser Anschauung stand die überwiegende Mehr 
zahl der Staatsmänner und Publizisten der merkantilistischen Ära. Voll grimmigen 
Neides blickte jede Nation auf die aufstrebenden Nachbarn, suchte die industrielle 
Entwickelung der Länder, die ihr bisher Absatzgebiete gewesen waren, — gleichviel ob
	        
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