82 Fünftes Kapitel. Das griechisch-orientalische Wirtschaftssystem.
Die Koloniengründungen dieser Epoche, die zunächst der
politischen Macht zu dienen hatten (Polybius X, 27), absorbierten
einen Teil der überschüssigen Bevölkerung Griechenlands, deren
Abnahme damals noch nicht in so großem Maße wie späterhin
(S. 104) begonnen hatte, was man zum Teil daraus erkennen
kann, daß die Neigung der Griechen, in fremden Sold zu treten,
noch überaus groß war, obgleich die heimatliche Industrie und der
Handel blühte. Tie Kolonien in Thrazien, welche Philipp ge
gründet hatte, waren nicht von jener Bedeutung wie Alexandria
oder Antiochia und die große Zahl von Städten längs den Mi
litär- und Handelsstraßen nach Baktrien und Indien, in Klein
asien und Syrien. In Mesopotamien entwickelten die Seleukiden
eine rege kolonisatorische Tätigkeit, während die Ptolemäer neben
Ptolemais eigentlich nur Militärkolonien gründeten (S. 88), was
zum Teil damit zusammenhing, daß ihr Gebiet eng besiedelt und
hoch kultiviert war. Die hellenistischen Kolonien — meist im
Binnenland gelegen — waren vom Reich abhängig und haben
in ihrer politischen Stellung wenig Ähnlichkeit mit jenen früheren
Kolonien wie z, B. Massalia gehabt (Ş. 33). An die Stelle der
früher mehr zufälligen, jedesmal selbständigen Kolonisation war
nun eine zentralisierte und systematische getreten. Große Massen
wurden durch diese Kolonisationen, durch Handel und Verkehr in
Bewegung gesetzt, ebenso durch die militärische Dislokation. Be
sonders in den großen Seestädten entstand ein Völkergemisch mit
all den schlechten Eigentümlichkeiten, die die sokratische Schule
einst so für Athen gefürchtet hatte (S. 75). Vor allem wurde die
politische Einheit auf diese Weise gefährdet, so z. B. in Alexan
dria (Strabo XVII, 1). Wenn trotz all dieser Verschiebungen die
ländliche Bevölkerung vielfach an Ort und Stelle blieb, so hing
das zum Teil damit zusammen, daß sie, z. B. in Kleinasien, großen
teils leibeigen war. Wie sehr dieser Umstand das Zusammenströmen
der Bevölkerung in die Städte, wie wir es heute kennen, ver
hinderte, vermag man nicht zu ermessen. Doch muß darauf hin
gewiesen werden, daß die Industrie nicht im selben Maße wie
heute Menschen absorbierte und daher der Zug zur Stadt etwas
geringer war. Freilich gab es dagegen andere Anziehungen, so die
reichlichen Spenden und Festlichkeiten, die den ärmeren Klassen in
ganz anderer Weise als heute das Leben verschönten. Gelegentlich
verbrauchten auch die Kriege große Bevölkerungsmassen (Diodor
XVIII, 12)