Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 489 
Danach ist der Zustand des Protestantismus um diese 
Zeit leicht zu schildern. In den Tiefen der Entwicklung hatte 
sich noch fast ungestört bis zu diesen Jahren hinab der alte 
theologische Rationalismus des 18. Jahrhunderts erhalten. In 
dem Dunkel seiner Gewässer aber spiegelte sich von den oberen 
Entwicklungsschichten her kein wahrhaft subjektives Christentum 
neueren Datums, sondern eine pseudosubjektive Orthodorie, 
die sich durch die Dialektik der letzten romantischen Philosophien 
rationalisiert sah. Orthodoxie und Rationalismus, das war 
mithin die Devise des herrschenden Protestantismus der Zeit. 
Und es versteht sich, daß sich der Protestantismus in diesem 
Zeichen mit der Lehre der katholischen Kirche trefflich zusammen⸗ 
fand. Denn wann hätte der Katholizismus seit dem Mittelalter 
eben diese Devise jemals aufgegeben? Und nur der Umstand 
eigentlich schied die Orthodoxie beider Kirchen noch voneinander, 
daß der Beweis des Glaubens auf dem Boden des Protestantis- 
mus durch die jungsten Philosophien noch zugelassen wurde — 
obwohl auch hiergegen teilweise Protest erfolgte —, während die 
katholische Kirche so junge Beweise entschieden verwarf und 
sich ausschließlich auf die mittelalterlichen Philosophen stützte. 
Wir werden später, bei genauerer Betrachtung der Schicksale 
der katholischen Kirche, noch mehr von dem Bonner katholischen 
Theologen Hermes (1775—1831) und von dem geistreichen 
Wiener Weltpriester Anton Günther (17885 18638) erfahren!; 
— D 
lehre aus dem Systeme Kants versuchte, während Günther 
darauf ausging, den romantischen Identitätssystemen einen 
kirchlich-katholischen Dualismus abzuringen: und daß das 
Wagnis beider von der Kirche verflucht ward. So war denn 
hier mittelalterlicher Rationalismus und Orthodoxie, und im 
Protestantismus neuzeitlicher Rationalismus und Orthodorie 
die Losung; klar lag die reaktionäre Parallelentwicklung zu— 
tage: und wer wollte es Heißspornen im Bereiche des unter— 
In den ersten Abschnitten des ersten Kapitels von Buch XXVi 
Baud XI, Teil 1. ch XXV in
	        
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