Sn Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
Wenn überhaupt die Industrie lebenskräftig werden kann, wird früher
oder später ein Augenblick kommen, wo sie entweder ohne Schutz
selbständig aufwachsen kann, oder doch wenigstens ein verhältnis-
mäßig begrenzter Schutz hinreicht, um die Industrie emporkommen zu
lassen. Es gibt vielleicht Fälle, wo man nachweisen kann, daß lebens-
kräftige Industrien durch einen sehr hohen oder sehr dauernden Zoll-
chutz eingeführt worden sind, aber dieser Nachweis reicht lange nicht
hin, um die Nützlichkeit einer solchen Schutzzöllpolitik zu beweisen.
Y/enn man längere Perioden betrachtet, ist es überhaupt sehr schwierig
um nicht zu sagen ganz unmöglich, die Entwicklung zu beurteilen, die
das Wirtschaftsleben des Landes genommen hätte, wenn kein Versuch
gemacht worden wäre, die betreffende Industrie mit Hilfe eines Zoll-
chutzes zu erwerben. -
Ein zweiter Fall, wo ein vorübergehender Zollschutz verteidigt
werden kann, ist der, wo ein bestehender Produktionszweig mit Hilf
eines Zollschutzes über eine schlechte Konjunktur gerettet werden nm
die sonst die betreffende Produktion vollständig vernichtet hätte. Die
Rechtfertigung eines solchen Konjunkturzolles hängt natürlich von den
Kosten des Schutzes ab. Wenn der Produktionszweig mit einem ver-
hältnismäßig kleinen Zollschutz aufrechterhalten werden kann, und
wenn mit Sicherheit zu erwarten steht, daß die schlechte Konjunktur
/on verhältnismäßig kurzer Dauer sein wird, sind offenbar die Voraus-
setzungen für die Nützlichkeit einer Schutzpolitik besonders günstig
Aber auch unter diesen Voraussetzungen _muß natürlich gezeigt werden,
daß es für die Industrie wirklich unmöglich ist, durch die äußerste
Kraftanspannung und Anpassung an die neuen Verhältnisse sich selbs
u retten. Mit einem Zollschutz riskiert man immer, einen unbedingt
nötigen Sanierungsprozeß aufzuhalten und den Zwang zur Anpassun
an neue wirtschaftliche Bedingungen in irrationeller Weise außer Spiel
u setzen.
Ein besonders interessanter Fall, wo ein Konjunkturschutz in Frage
ommen konnte, lag am Ende des vorigen Jahrhunderts vor, wo die
ordamerikanische Getreidezufuhr der europäischen Getreideproduktion
mit Unterdrückung drohte. Es wurde damals geltend gemacht, daß diese
etreidezufuhr eine vorübergehende Erscheinung sein müßte, weil die
Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit dazu kommen müßten, ihre
esamte Getreideproduktion selbst zu verzehren. Unter solchen Vor-
aussetzungen konnte es lohnend sein, die europäische Getreideproduktio
it Hilfe eines Zollschutzes während einer verhältnismäßig kurzen
Übergangsperiode vom Untergang zu retten, da Europa jedenfall
später dieser Produktion nicht entbehren könnte. Trotz dieser relativ
uten Begründung einer Schutzpolitik ist es auch nach einem Viertel-
jahrhundert schwer zu sagen, ob diese Politik wirklich die richtige war
ie Antwort auf diese Frage würde günstiger ausgefallen sein, wenn da
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