Full text: Bevölkerungslehre

so] 
Erster geschichtlicher Teil 
gebildete Kapital selbst bei einer günstigen Entwicklung des deutschen 
Wirtschaftslebens keine genügende Anlagemöglichkeit hätte finden 
können. Davon konnte aber gar keine Rede sein. Ehrenberg 
hat durchaus Recht, wenn er darüber sagt: „In Wahrheit litt Deutsch- 
land damals gar nicht an einem Überfluß von Kapital, sondern nur 
daran, daß zu viel flüssiges, verfügbares Kapital da wart, weil die 
Möglichkeit, es im eigenen Lande produktiv zu verwenden, abnahm 
und weil ferner auch die Neigung zu solcher Verwendung sich er- 
heblich verringerte“ 1). Der Kapitalexport läßt also für die damalige 
Zeit auf verminderte Anlagen und Verwendungsmöglichkeiten in 
Deutschland, damit aber auch auf eine schlechtere Gestaltung der 
Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse schließen ?). 
Es erhebt sich die Frage, ob sich für diese letztere Entwicklung 
genauere Anhaltspunkte finden lassen. Sie liegen vor allem in den 
Wandlungen, die in dieser Zeit das Zunftwesen zu nehmen beginnt 
und in der Ausbreitung, die in diesem Jahrhundert das Verlagssystem 
über ältere Anfänge hinaus nimmt. Das 16. Jahrhundert ist vor- 
nehmlich von seiner zweiten Hälfte ab bereits die Zeit, in der die 
glänzende Periode des Zunftwesens den Höhepunkt überschritt 
und wo sich schon, auch wenn man noch nicht von einem Verfall des- 
selben sprechen kann, deutliche Anzeichen dafür zeigen, daß die 
Voraussetzungen, aus denen die Zunftblüte im 13. und 14. Jahr- 
hundert zu erklären war, sich zu wandeln beginnen. Schon im 
I6. Jahrhundert hören wir, daß sich Zünfte abschließen, man versucht 
fremde Elemente auf die verschiedenste Weise fernzuhalten und es 
ist wohl schon mit Recht darauf hingewiesen worden, daß darin eine 
Folge einer Znuahme des Arbeitsangebots und ein Symptom der 
Übervölkerung zu erblicken sei 3). Auch der jetzt beginnende Kampf 
gegen das Handwerk auf dem Lande deutet wohl darauf hin, daß 
sich die Lage für das städtische Handwerk langsam zu verschlechtern 
begann. Aus der Mitte des 16. Jahrhunderts wird uns z. B. aus 
Straßburg berichtet, daß der lokale Absatz der Weber zu wünschen 
übrig ließ und daß sie zu den Kaufleuten ins Haus kamen, ihre 
!) Ehrenberg, Hamburg u. England, a. a. O., S. 35. 
2?) Ich kann mich deshalb auch nicht der Meinung von Kulischer anschließen 
a. a. O., Bd. 2, S. 249), daß die Verluste der oberdeutschen Handlungshäuser bei ihren 
ausländischen Kapitalanlagen den Verfall der oberdeutschen Handelsemporien bewirkt 
haben. Unstreitig haben diese Verluste erheblich zu jenem Niedergang beigetragen, 
die Tendenzen zu ihm lagen jedoch schon früher und auf anderen Gebieten. 
3) K. Kaser, Politische u. soziale Bewegungen im deutschen Bürgertum zu 
Beginn d. 16. Jahrhunderts, 180090, S. 8.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.