fullscreen: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

500 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik. 
großes, mächtiges, vom Ausland unabhängiges und modernes Reich ergeben, sind 
damit angedeutet. 
Besonders Bismarcks Handelspolitik, die einen ganz bestimmten und normalen 
Entwickelungsgang durchgemacht hat, zerlegt sich gemäß den gleichzeitigen weltwirt 
schaftlichen Umwälzungen in bestimmte, scharf abgegrenzte Phasen. 
Otto v. Bismarck war ursprünglich Freihändler, d. h. er dachte in diesen 
Dingen ebenso wie fast alle Parteien, das maßgebende Beamtentum und insonderheit 
der Stand der ländlichen Grundbesitzer, aus dem er selbst hervorgegangen war. Der 
Wohlstand des preußischen Ostens und Nordostens beruhte bis in die siebziger Jahre 
auf dem Getreideexport namentlich nach England. Der Sieg des Freihandels brachte 
für die preußischen Landwirte, wie die Bodenpreisentwickelung hinlänglich beweist, die 
glücklichsten Jahre. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, wie man an, 
leichtesten zum intensiven Betrieb im landwirtschaftlichen Gewerbe übergehen könne, 
— war ja damals Deutschland immer noch ein ausgesprochener Agrarstaat. Die 
gänzliche Aufhebung der Eisenzölle, die damit begründet wurde, daß man den Bezug 
von landwirtschaftlichen Maschinen aus Großbritannien möglichst erleichtern wolle, 
eine Maßregel, die sich später als verhängnisvoller Fehler ersten Ranges erwies, 
war getragen fast von der gesamten öffentlichen Meinung.*) Bismarck tat nichts 
anderes, als daß er sich zum ausführenden Organ derselben hergab und ihr seine 
kühne und schöpferische Hand lieh. Es fehlte zwar nicht an den entgegengesetzten 
schutzzöllnerischen Tendenzen, die besonders von rheinisch-westfälischen und süddeutschen 
Industriellen ausgingen. Aber gegenüber diesen mehr partikularistischen Bestre 
bungen, die denjenigen der Feudalaristokratie im Wege standen, lieferten die großen 
Handelsmetropolen, die vollständig im Strome des britischen Manchestertums segelten, 
das ausschlaggebende Gegengewicht. Die preußisch-deutsche Handelspolitik jener Zeit 
entsprach vollständig dem allgemeinen Zeitgeist, der in dem französischen Handels 
vertrag von 1862 seinen populärsten Ausdruck fand. 
Die preußische Freihandelsära war zudem das wichtigste Kampfmittel in dem 
Hegemoniestreit mit Österreich. Österreich wollte in den Deutschen Zollverein eintreten, 
konnte es aber mit Rücksicht auf seine Staatsfinanzen nur, indem es denselben zum 
gemäßigten Schutzzoll bekehrte. Wollte Bismarck die preußische Machtstellung im 
Deutschen Bunde stärken und Österreich-Ungarn aus der bereits gewonnenen Position 
wieder hinausdrängen, was auch aus Gründen der Währungsverhältnisse gewichtige 
ökonomische Gründe für sich hatte, so mußte ihm die Freihandelsbewegung als ein 
willkommener Trumpf erscheinen, den er gegen das Wiener Kabinett ausspielen konnte. 
Das verjüngte österreichische Kaiserreich, geführt von talentvollen und ehrgeizigen 
Staatsmännern, trug sich damals mit dem großgedachten Plan eines Siebzigmillionen 
bunds, der Deutschland und Norditalien mit ihm handelspolitisch vereinigen sollte. 
*) Über die Aufhebung der Eisenzölle vgl. z. B. Lotz, Die Ideen der deutschen 
Handelspolitik von 1860bis 1891. Leipzig, Duncker & Humblot, 1892. S. 102—108 und Bueck 
Der Zentralverband Deutscher Industrieller 1876—1901. 1. Bd. Berlin, I. Guttentag, 1902 
S. 112—119. Besonders bezeichnend ist der Eingang der Rede, in der Herr v. B e h r seinen 
und seiner Genossen (v. Below, Birnbaum und Krieger) Initiativantrag wegen Beseitigung 
der Eisenzölle in der Reichstagssitzung vom 10. Juni 1873 begründete: „Meine Herren, nehmen 
Sie vor allem die Versicherung entgegen, daß mir nichts ferner liegt, als Ihnen die Not 
wendigkeit der Aufhebung der Eisenzölle beweisen zu wollen. Axiome, meine Herren, be 
weist man nicht! Ich meine aber, daß der Satz: „Das Eisen muß zollfrei sein" mir und 
auch in den weitesten Kreisen des Vaterlandes ein Axiom geworden ist. Unsre Gegner 
haben zu beweisen, ob es noch länger notwendig sei, Eisen zu besteuern. Ich erwarte 
solchen Beweis." Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen 
Reichstages. I. Legislaturperiode 4. Session 1873. 2. Bd. 1873. S. 1052. — G. M.
	        
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