Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

502  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

nationalen  Fragen  bisher  gestützt  hatte,  wurde  Tatsache.  Bismarck  hatte  damals  den
großen  Plan,  an  Stelle  der  politischen  Parteien,  von  denen  ihm  keine  so  recht  sympathisch ­
  war,  eine  moderne  ständische  Gruppierung  treten  zu  lassen.  Die  unbequemen
Ministerien,  die  mancherlei  elastische  Widerstände  zeigten,  sollten  durch  einen  „Volkswirtschaftsrat" ­
  im  Zaum  gehalten  werden.  Den  heterogenen  Elementen  der  großen
Parteifraktionen  wurde  ein  neues  wirtschaftspolitisches  Programm,  das  in  der  Forderung ­
  und  im  Versprechen  des  Schutzes  der  nationalen  Arbeit  gipfelte  und  Landwirtschaft ­
  und  Industrie  gleichmäßig  zugute  kommen  sollte,  unterbreitet.  Dieser  Keil,
den  der  Reichskanzler  in  die  Fraktionen  trieb,  brachte  eine  vollständige  Umwälzung
zustande.  Es  gelang  eine  Allianz  der  Wirtschaftsreformer,  die  jetzt  die  Großindustriellen ­
  und  den  Großgrundbesitz  zur  gemeinsamen  Tätigkeit  berief,  und  von  der  die
schutzzöllnerischen  Tarifreformen  von  1879,  1881,  1885  und  1887  getragen  wurden,
zustande  zu  bringen.  Dieses  Kompromiß  erwies  sich  in  der  ganzen  Periode  als  eine
sichere  und  zuverlässige  Basis,  auf  die  sich  Bismarck  als  Wirtschaftspolitiker  nunmehr
stützen  konnte.
Das  eigentliche  Neue  in  bem  Bismarckschen  Schutzzollsystem  sind  die  Agrarzölle.
Wie  weit  sie  ein  dauerndes  Heilmittel  gewähren,  ist  sehr  bestritten.  Aus  den  handelspolitischen ­
  Reden  des  Fürsten  Bismarck,  solange  er  im  Amte  und  für  sie  verantwortlich
war,  geht  unzweifelhaft  hervor,  daß  er  mit  dem  Schutze  der  einheimischen  Landwirtschaft ­
  in  erster  Linie  einen  Krisenschutz  gegenüber  dem  überwältigenden  Ansturm  des
ausländischen  Imports  schaffen  wollte.  Keinem  Staate  kann  es  gleichgültig  sein,  daß
ein  großes  und  altes  Gewerbe,  aus  welchem  auch  heute  noch  die  hauptsächlichste
Blutauffrischung  des  nationalen  Organismus  hervorgeht,  durch  Umwälzungen  der
Weltmarktverhältnisse  in  seinen  Daseinsbedingungen  verkümmert  wird.  Man  will
also  dem  wirtschaftlichen  Vernichtungs-  und  Verdrängungskampf,  dem  wertvolle
Bestandteile  der  staatlichen  Gesellschaft  ausgesetzt  sind,  durch  eine  Abwehr  nach  außen
vorbeugen.  Was  geschützt  werden  soll,  ist  nicht  ein  junges,  zu  neuem  Aufschwung
berufenes  Gewerbe,  sondern  ein  in  der  Zersetzung  begriffenes,  altes.  Hier  heißt  es
also  die  Krisis  abschwächen,  den  Umwälzungsprozeß  mildern,  um  gleichzeitig  Zeit  zu
gewinnen  für  eine  Agrarpolitik  im  Innern,  deren  nächstes  Ziel  eine  Besitzreform  sein
wird.  Ob  es  angängig  ist,  dauernd  den  deutschen  Konsumenten  am  Mitgenuß  an  der
auf  dem  gesamten  Weltmarkt  eingetretenen  Verbilligung  der  hauptsächlichsten  Nahrungsmittel ­
  zu  verhindern,  erscheint  zweifelhaft.  Bismarck  bejahte  diese  Frage  und
zeigte  sich  deswegen  auch  als  so  entschlossener  Gegner  der  späteren  Handelsvertragspolitik. ­
  Er  konnte  das  umsomehr,  als  er  oft  genug  behauptet  hat,  daß  den  Agrarzoll
das  Ausland  trage.  Die  Wissenschaft,  besonders  die  Statistik,  hat  ihn  in  dieser  Richtung
in  einspruchsfreier  Weise  widerlegt.  Auf  dem  schwierigen  Gebiete  der  Steuerüberwälzung ­
  sind  überhaupt  seine  Ansichten  nicht  frei  von  einer  gewissen  Befangenheit,
wie  er  auch  das  Verhältnis  der  Erwerbsstände  zueinander  gelegentlich  recht  einseitig
konstruiert  hat.  Das  geflügelte,  durch  seine  Parlamentsreden  wieder  kursfähig  gemachte ­
  Wort:  „Hat  der  Bauer  Geld,  so  hat's  die  ganze  Welt"  ist,  näher  betrachtet,  nicht
viel  mehr  als  eine  wirtschaftspolitische  Tagesphrase.  Mit  gleichem  Rechte  könnte  mail
sagen,  geht  es  unserer  Industrie  gut,  sind  die  Arbeiter  voll  beschäftigt  und  gut  gelohnt,
so  findet  auch  die,  auf  den  im  Industriegebiet  berechneten  Absatz  angewiesene,  billig
und  intensiv  produzierende  Landwirtschaft,  zumal  wenn  sie  sich  nicht  nur  ausschließlich
auf  den  Körnerbau  wirft,  rentablen  Umsatz.
Bismarck  wird  von  unseren  Agrariern  stets  als  Eideshelfer  gegen  alle  und  jede
Handelsvertragspolitik  herangezogen.  Und  in  der  Tat  hat  er  in  feinem  Hamburger
Preßorgan  sich  wiederholt  in  diesem  Sinne  geäußert.  Man  darf  aber  nicht  übersehen,
daß  er  damals  der  grollende  Achill  war,  der  in  unversöhnlicher  Opposition  verharrte
und,  wie  jede  Opposition,  zu  übertreiben  geneigt  war.  Wäre  er  am  Ruder  geblieben
            
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