Strukturwandlungen der Weltwirtschaft
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Teile ihres Antlitzes von Grund auf umgestaltet. Dieser Vergleich ist auch
insofern zutreffend, als Erdbeben und zyklische Krisen früher in größerem
Ausmaße strukturverändernd gewirkt haben, als es heute der Fall ist.
Die Konjunkturschwankungen sind seit langem Gegenstand der
sozialökonomischen Forschung, die ursprünglich im wesentlichen auf
die Phase der »Krisis« gerichtet war, später aber dem gesamten Kreislauf
Rechnung trug und erst dadurch zur eigentlichen Konjunkturlehre ge-
langte. Ich persönlich vertrete nun mit aller Bestimmtheit den Stand-
punkt, daß mittels der bisher in der Konjunkturtheorie zur Anwendung
gekommenen Methoden vorläufig nicht einmal das im engeren Sinne
volkswirtschaftliche, geschweige denn das weltwirtschaftliche Kon-
junktur- bzw. Krisenphänomen erklärt werden konnte.
Der Abstraktionsmechanismus der Konjunkturtheorie, die Deduk-
tionen der verschiedenen Konjunkturlehren vermögen zwar auf Grund be-
stimmter empirischer Ausgangsdaten gewisse allgemeingültige Zusammen-
hänge aufzudecken — trotzdem aber hat das heiße Bemühen um Auffindung
der theoretischen Gesetze des Konjunkturzyklus noch keine denk-
notwendige Lösung gezeitigt, und alle Versuche zwecks Auffindung einer
empirischen Gesetzmäßigkeit leiden an Unzulänglichkeiten und
Fehlern. In dem Glauben aber an solche Gesetzlichkeit und damit an
eine rein theoretische Interpretation des wirtschaftlichen Lebens wurzelt
das Bemühen um Barometer und Prognose.
Nun liegt mir nichts ferner, als die Fruchtbarkeit der Auseinander-
setzungen über die Entstehungsursachen der »Konjunktur«, nicht zuletzt
also die Bemühungen um den Aufbau einer dynamischen Theorie der
Wirtschaft anzuzweifeln und den Gedanken abzulehnen, daß es das Schick-
sal jeder Phase ist, die nächste, sie ablösende aus sich heraus in vorbe-
stimmter Gestalt gebären zu müssen. Mögen indessen auch die Bewegungs-
erscheinungen der einzelnen Wirtschaftsfaktoren und der verschiedenen
Märkte in ihrem Verhältnis zueinander richtig beschrieben werden, strittig
ist bis auf den heutigen Tag die den Konjunkturprozeß mit seinen typi-
schen Phasen auslösende Ursache geblieben. Ist es das Geld, oder sind
es die Güter, und im letzten Fall: deren Hervorbringung oder deren
Verzehr? Quantitätstheorie und Disproportionalitätstheorie, diese wieder
als Überproduktions- oder Unterkonsumtionslehre, um die Unzahl der
vertretenen Anschauungen in Hauptgruppen zusammenzufassen, stehen
sich einstweilen noch unversöhnlich gegenüber.
Viel Arbeit wird noch zu leisten sein, bis über die Schlüssigkeit der
einzelnen Lehren, über den Wert ihrer Ausgangspunkte und Daten und
damit über den Grad ihrer »Wirklichkeitsnähe« klare Erkenntnis möglich
ist. Hauptproblem der Theorie ist darum heute die richtige Datenaus-
wahl, die Hereinnahme der wirklich für die Erklärung der Konjunktur