Full text : Die Heimarbeit und ihre Verbreitung in der Metallindustrie

22

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

Die  Arbeitszeit  ist  grenzenlos.  Früh  von  3  oder  4  Uhr  ab  ivird
gearbeitet  bis  nachts  11,  12  und  1  Uhr.  Die  Nacht  vor  dem  Liefertag ­
  wird  fast  immer  durchgearbeitet.  Der  Sonntag  ist  ein  Arbeitstag
wie  jeder  andere.  Viele  Männer  leben  wie  die  Gefangenen,  indem  sie
wachen-  und  monatelang  nicht  aus  dem  Hause  kommen.  Die  Arbeitszeit ­
  ivird  auch  nicht  durch  Pausen  unterbrochen,  sondern  das  bißchen
Essen  wird  vielfach  so  nebenbei  besorgt.
Die  Arbeit  wird  fast  durchweg  in  den  Wohnräumen  verrichtet.
Diese,  elende  Locher,  aus  Stube  und  Kammer  bestehend,  kosten  l20  bis
180  Mk.  pro  Jahr  Mietzins.  Es  geht  also  pro  Woche  2sts  bis  3  Mk.
und  mehr  von  dem  geringen  Verdienst  für  Mietzins  ab.  Rechnet  man
den  Verbrauch  von  Petroleum  durch  die  lange  Nachtarbeit  hinzu,  so
kann  man  sich  einen  Begriff  von  der  Lebenshaltung  dieser  Menschen
machen.  Der  Tag  vor  dem  Liefern  wird  gewöhnlich  durchgehungert,
denn  das  Geld  ist  alle;  das  letzte  ist  vielleicht  noch  für  einige  Zutaten
drausgegangen.  Sogenannte  „saure  Brühe"  oder  „Fettsalz"  gibt  es,
wenn  Geld  da  ist,  zu  den  Kartoffeln.  Erstere  besteht  aus  Essig  und
Zwiebeln,  letzteres  aus  Margarine,  Mehl  und  Salz.  Nach  dem  Liefertag, ­
  wenn  alles  gut  gegangen  ist,  wird  vielleicht  ein  Pfund  Pferdefleisch ­
  gekauft.  Mit  einem  Tafelwagen  hält  der  Pserdeschlächter  an
solchen  Tagen  an  einer  Straßenecke.  Ich  selbst  hatte  Gelegenheit,  dies
beobachten  zu  können.  Ein  Fröschelmacher,  den  ich  besuchte  (das  sogenannte ­
  Fröschel  ist  der  untere  Teil  des  Fiedelbogens  und  wird  von
Spezialarbeitern  gemacht),  sagte  mir:  „Heute  mittag  haben  wir  nur
trockenes  Brot,  nicht  einmal  Kartoffeln  können  wir  uns  kaufen."  Auf
meine  Frage  nach  seinem  Verdienst  sagte  er  mir:  „Für  dieses  Fröschel
bekomme  ich  pro  Dutzend  2,20  Mk.,  die  Auslage  daran  kommt  mich
auf  1,20  Mk.  zu  stehen.  Wenn  ich  mit  meiner  Frau  von  früh  4  Uhr
bis  abends  11  und  12  Uhr  arbeite,  kann  ich  anderthalb,  höchstens  aber
zwei  Dutzend  pro  Tag  machen."  Von  solchem  Verdienst  mußte  er  seine
sieben  Kinder  ernähren.  Diese  Fröschelmacher  würden  ja  für  ihre  Arbeit
noch  etwas  niehr  erzielen  können,  wenn  es  ihnen  möglich  wäre,  den  Bogenmachern ­
  direkt  zu  liefern.  Da  sie  aber  nicht  in  der  Lage  sind,  dem
Bogenmacher  auch  nur  eine  Woche  kreditieren  zu  können,  der  Bogenmacher ­
  aber  andererseits  kein  Geld  zur  Barzahlung  hat,  so  sind  beide  dem
Zwischenhändler  verfallen,  der  daran  dann  auch  noch  sein  Geld  verdient.
Ein  Geigenmacher  erklärte  auf  Fragen  meinerseits:  „Für  diese
Geige  bekomme  ich  6  Mk.  pro  Stück,  die  Auslage  kostet  mich  ungefähr
4  Mk.  Bei  der  üblichen  Arbeitszeit  von  4  Uhr  früh  bis  11  und  12  Uhrabends
  mit  Sonntagsarbeit  und  die  Nacht  vor  dem  Liefertag  durch
kann  ich  pro  Woche  höchstens  fünf  bis  sechs  Stück  liefern."  Als  ich
fragte:  „Ja,  wie  halten  Sie  denn  das  eigentlich  aus?"  sagte  die  Frau
betrübt  zu  mir:  „Vorige  Woche  konnte  ich  mich  auch  nicht  mehr  halten,
da  hat's  mich  dreimal  in  die  Stube  geschmissen."
Für  Mann  und  Frau  und  sieben  Kinder  waren  hier  nur  zwei
Betten  vorhanden.  Ein  Mädchen  von  nicht  ganz  sechs  Jahren  stand
an  einer  Waschwanne  und  wusch  ein  paar  armselige  Stückchen  Wäsche.
Mann  und  Frau  standen  int  40.  Lebensjahre.  Ihrem  Aussehen  nach
konnte  man  sie  für  60  Jahre  halten.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.