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Die Heimarbeit und ihre Verbreitung in der Metallindustrie.
Die Arbeitszeit ist grenzenlos. Früh von 3 oder 4 Uhr ab ivird
gearbeitet bis nachts 11, 12 und 1 Uhr. Die Nacht vor dem Liefertag
wird fast immer durchgearbeitet. Der Sonntag ist ein Arbeitstag
wie jeder andere. Viele Männer leben wie die Gefangenen, indem sie
wachen- und monatelang nicht aus dem Hause kommen. Die Arbeitszeit
ivird auch nicht durch Pausen unterbrochen, sondern das bißchen
Essen wird vielfach so nebenbei besorgt.
Die Arbeit wird fast durchweg in den Wohnräumen verrichtet.
Diese, elende Locher, aus Stube und Kammer bestehend, kosten l20 bis
180 Mk. pro Jahr Mietzins. Es geht also pro Woche 2sts bis 3 Mk.
und mehr von dem geringen Verdienst für Mietzins ab. Rechnet man
den Verbrauch von Petroleum durch die lange Nachtarbeit hinzu, so
kann man sich einen Begriff von der Lebenshaltung dieser Menschen
machen. Der Tag vor dem Liefern wird gewöhnlich durchgehungert,
denn das Geld ist alle; das letzte ist vielleicht noch für einige Zutaten
drausgegangen. Sogenannte „saure Brühe" oder „Fettsalz" gibt es,
wenn Geld da ist, zu den Kartoffeln. Erstere besteht aus Essig und
Zwiebeln, letzteres aus Margarine, Mehl und Salz. Nach dem Liefertag,
wenn alles gut gegangen ist, wird vielleicht ein Pfund Pferdefleisch
gekauft. Mit einem Tafelwagen hält der Pserdeschlächter an
solchen Tagen an einer Straßenecke. Ich selbst hatte Gelegenheit, dies
beobachten zu können. Ein Fröschelmacher, den ich besuchte (das sogenannte
Fröschel ist der untere Teil des Fiedelbogens und wird von
Spezialarbeitern gemacht), sagte mir: „Heute mittag haben wir nur
trockenes Brot, nicht einmal Kartoffeln können wir uns kaufen." Auf
meine Frage nach seinem Verdienst sagte er mir: „Für dieses Fröschel
bekomme ich pro Dutzend 2,20 Mk., die Auslage daran kommt mich
auf 1,20 Mk. zu stehen. Wenn ich mit meiner Frau von früh 4 Uhr
bis abends 11 und 12 Uhr arbeite, kann ich anderthalb, höchstens aber
zwei Dutzend pro Tag machen." Von solchem Verdienst mußte er seine
sieben Kinder ernähren. Diese Fröschelmacher würden ja für ihre Arbeit
noch etwas niehr erzielen können, wenn es ihnen möglich wäre, den Bogenmachern
direkt zu liefern. Da sie aber nicht in der Lage sind, dem
Bogenmacher auch nur eine Woche kreditieren zu können, der Bogenmacher
aber andererseits kein Geld zur Barzahlung hat, so sind beide dem
Zwischenhändler verfallen, der daran dann auch noch sein Geld verdient.
Ein Geigenmacher erklärte auf Fragen meinerseits: „Für diese
Geige bekomme ich 6 Mk. pro Stück, die Auslage kostet mich ungefähr
4 Mk. Bei der üblichen Arbeitszeit von 4 Uhr früh bis 11 und 12 Uhrabends
mit Sonntagsarbeit und die Nacht vor dem Liefertag durch
kann ich pro Woche höchstens fünf bis sechs Stück liefern." Als ich
fragte: „Ja, wie halten Sie denn das eigentlich aus?" sagte die Frau
betrübt zu mir: „Vorige Woche konnte ich mich auch nicht mehr halten,
da hat's mich dreimal in die Stube geschmissen."
Für Mann und Frau und sieben Kinder waren hier nur zwei
Betten vorhanden. Ein Mädchen von nicht ganz sechs Jahren stand
an einer Waschwanne und wusch ein paar armselige Stückchen Wäsche.
Mann und Frau standen int 40. Lebensjahre. Ihrem Aussehen nach
konnte man sie für 60 Jahre halten.