Full text : Russlands Bankerott

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Zahlungsverpflichtungen  303  Millionen  Rubel,  also  etwa  15%  der  Gesamteinnahmen. ­
  Nun  wird  selbstverständlich  darauf  hingewiesen,  daß  sogar  in
England  diese  Verpflichtungen  20%  der  Einnahmen  ausmachen  und  in  Frankreich
natürlich  noch  mehr.  Dabei  wird  aus  Unkenntnis  oder  Böswilligkeit  verschwiegen,
daß  im  Gegensatz  zum  Preußischen  Etat  der  russische  ein  sogenannter  Brutto-Etat
ist,  d.  h.  daß  er  unter  den  Einnahmen  nur  die  Roheinnahmen  der  Staatsbetriebe ­
  aufführt,  während  unter  den  Ausgaben  sämtliche  Kosten  figurieren.
Will  man  also  das  prozentuale  Verhältnis  der  Zinsverpflichtungen  zu  den
Einnahmen  feststellen,  so  muß  man  natürlich  die  Kosten  dieser  Einnahmen
vorher  in  Abzug  bringen.  Dabei  sind  aber  dann  nicht  nur  410  Millionen
Betriebskosten  der  Eisenbahn  und  Kosten  für  ihre  Instandhaltung  zu  rechnen,
sondern  u.  a.  auch  über  170  Millionen  Rubel  Ausgaben  für  den  fiskalischen
Branntweinverkauf,  dessen  Brutto-Ertrag  natürlich  auch  unter  den  Einnahmen
aufgeführt  ist.  In  meiner  Broschüre  habe  ich  ((Seite  19)  für  das  Etatsjahr ­
  1904,  wo  das  Einnahmebudget  ebenfalls  2  Milliarden  betrug,  berechnet,
daß  man  rund  705  Millionen  Rubel  kürzen  müsse,  um  die  wirklichen  Erträgnisse ­
  des  Budgets  zu  erhalten.  Dann  beträgt  das  Zinserfordernis  aber
nicht  mehr  15  °/ 0 ,  sondern  23  %  der  ordentlichen  Budgeteinnahmen.  Das  ist
also  bedeutend  höher,  als  die  englischen  Prozentzahlen,  wobei  man  natürlich
immer  berücksichtigen  muß,  daß  die  englisch-französischen  und  die  russischen
Finanzverhältniffe  gar  nicht  in  einem  Atem  genannt  werden  dürfen.
Diesem  plumpen  Schwindel  schließt  sich  ein  zweiter  würdig  an.  Es
wird  von  dem  Sachverständigen  der  Bossischen  Zeitung  darauf  hingewiesen,
daß  die  Ueberschüsse  des  ordentlichen  Budgets  in  den  letzten  zehn  Fahren
zwischen  80  und  150  Millionen  Rubel  betragen  haben.  Diese  freien  Summen
werden  angeblich  zeitweilig  dem  Barbestand  des  Tresors  zugeschlagen,  und
namentlich  aus  ihnen  wurden  die  staatlichen  Eisenbahnbauten  sowie  die
Kosten  der  Valutaregulierung  bestritten.  Diese  Legende  ist  verschiedentlich  aufgetaucht. ­
  Unter  anderem  vor  etwa  Jahresfrist  in  einer  Zuschrift  an  die
Frankfurter  Zeitung.  Diese  hat  damals  bereits  darauf  erwidert  und  die
Legende  grausam  zerstört.  Es  widert  einem  förmlich  an,  noch  einmal  das
widerlegen  zu  müssen,  was  eigentlich  kein  Mensch  mehr  behaupten  sollte,
ohne  der  allgemeinen  Lächerlichkeit  zu  verfallen.  Zunächst  muß  betont
werden,  daß  das  ordentliche  russische  Budget  nur  nominell  einen  Ueberschuß
erzielt,  weil  wichtige  Ausgabe-Posten,  die  eigentlich  ins  Ordinarium  gehören,
ini  Extraordinaium  Unterkunft  finden.  Diese  —  in  einer  Reihe  von  Jahren
wenigstens  nominellen  Ueberschüsse  werden  tatsächlich  dem  sogenannten  freien
Barbestand  der  Reichsämter  zugeschrieben.  Aber  in  diesen  freien  Barbestand
kommen  auch  die  Erlöse  der  Anleihen.  Und  aus  der  so  entstandenen  Summe
sind  die  Eisenbahn-Ausgaben  bestritten  worden.  Der  Sachverständige  der
Bossischen  Zeitung  verschweigt  nämlich  wohlweislich,  das  Rußland  ein  ständiges
großes  Defizit  im  außerordentlichen  Budget  hat.  Denn  der  ganz  überwiegende ­
  Teil  der  Einnahmen  der  außerordentlichen  Budgets  besteht  aus  dem
Anleihe-Erlös.  Wirft  .inan  das  ordentliche  und  das  außerordentliche  Budget
des  russischen  Reiches  zusammen,  so  ergibt  sich  als  Resultat,  daß  in  den  fünf
Jahren  von  1898  bis  1902  jährlich  165,89;  94,15;  121,48;  34,01  und
236,9  Millionen  Rubel  Anleihen  zur  Deckung  des  Gesamtdefizits  notwendig
waren.  Wie  da  noch  behauptet  werden  kann  —  der  Gewährsmann  der

Die  Lüge  von
den  Ueberschüffen.

            
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