Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

4. Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter. 
Hier sei auch das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeit- 
nehmer kurz‘ erwähnt, von dem in den Berichten deutscher 
Reisenden gern lobend gesprochen wird. Dass dieses Verhältnis im 
allgemeinen besser, freier, weniger autokratisch als bei uns ist, 
steht ausser Zweifel und wurde auch hier schon gesagt. Es wird 
vom Arbeiter alles ferngehalten, was seine Abwehrkräfte wach- 
rufen, seinen Oppositionsgeist anspornen könnte. Wenn der 
Arbeiter einen der kaufmännischen oder technischen Bureauräume 
betritt, so wird weder der Ton des Verkehrs noch die Aus- 
stattung der Lokalität das Gefühl der Befangenheit oder des Ab- 
standes bei ihm hervorrufen. In allen Fabriken, die wir besuchten, 
fiel uns immer wieder die Einfachheit der Bureau- und Verwal- 
tungsräume auf. In einer hervorragenden Maschinenfabrik in 
Wisconsin ging diese so weit, dass die roten Backsteinwände der 
Bureaus ungetüncht waren und ihr einziger Schmuck aus einigen 
aufgehängten Tabellen und den einfachsten Kleiderhaken bestand. 
Auf unsere Frage nach dem Grund dieser ausgesuchten Schlicht- 
heit wurde uns gesagt, den Angestellten soll damit beständig ihre 
Verbundenheit mit der Gesamtheit des Betriebes und den robusteren 
Arbeiten in der Werkstatt zum Bewusstsein gebracht werden; und 
wiederum dürfe auch der Arbeiter nicht die Vorstellung haben, als 
ob über ihm da drin sich ein Unteroffizierkorps abgesondert habe. 
Die Auffassung von der Angestellten- und manuellen Arbeiter- 
schaft als einer arbeitsteiligen Produktivgesamtheit statt einer 
Rangstufenleiter mit Offizieren, Feldwebeln, Korporälen und 
Musketieren kommt auch in der Art und Höhe der Lohnzahlung 
zum Ausdruck. Der „Leistungslohn‘, den unsere Wirtschaftsretter 
so sehr preisen, aber nur auf die „ausführende‘“, besonders die 
manuelle Arbeit angewendet wissen wollen, erstreckt sich in 
Amerika auf fast alle Kategorien der Angestelltenschaft und Be- 
triebsleitung. Es gibt wenig oder keine Ranglöhne. Keine Kluft liegt 
zwischen Qualitätsarbeiterlöhnen, Werkmeisterlöhnen, Techniker- 
löhnen:; .der einzige Unterschied ist, dass die letzteren eine grössere, 
wieder von der Leistung abhängige, aber nach unseren Begriffen 
gewaltige Bewegungsmöglichkeit nach oben haben. “Anything 
between 3,000 and 50,000 Dollars“, sagte man uns bei Ford auf die 
Frage, was Meistern und leitenden Personen des Betriebes gezahlt 
werde: irgendwas zwischen 3000 und 50 000 Dollar im Jahr. Nicht 
einmal die bureaukratische Abgrenzung zwischen „Lohn- und Ge- 
haltsempfängern“ gibt es. Wer wirtschaftlich so gestellt ist, dass 
er seinen Lohn üblicherweise nicht jede Woche abzuheben braucht, 
der bezieht Monatsgehalt, also auch die „Angestellten“ und 
„Beamten“ nur, sofern sie wesentlich mehr als den Lohn des ge- 
lernten Arbeiters beziehen. 
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