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Die Lüge vom
Voranschlag.
Die Lüge von
der Bauern
belastung.
Vosfischen Zeitung hat die Stirn dazu — die Vermehrung der russischen An
leiheschuld seit 1889 sei nur auf die Ausgabe höherer Nominalbeträge in
folge der Konvertierungen zurückzuführen, erscheint nicht recht begreiflich.
Nun die dritte grobe Irreführung, die teilweise bereits vom Berliner
Tageblatt gekennzeichnet worden ist: Da der Artikelschreiber der Vosfischen
Zeitung anscheinend aus einer Quelle schöpft, die gewöhnlichen Sterblichen
nicht zugängig ist, so weiß er bereits, daß bis zum September dieses Jahres
trotz des Krieges und der inneren Unruhen die Einnahmen über den
Voranschlag für 1905 einen Ueberschuß vou 80 Millionen Rubel ergeben
haben. Gesetzt der Fall, diese Darstellung ist richtig, so arbeitet der Herr
Sachverständige mit diesem Ueberschuß aus eine ganz unzulässige Weise, indem
er nämlich darauf hinweist, daß selbst, wenn vom September ab keine weitere
Steigerung des Ueberschusses erfolge, diese 80 Millionen bereits genügten,
um 2 Milliarden 4%ige Anleihen zu verzinsen. Da Rußland im ganzen
7,6 Milliarden verzinsliche Staatsschulden hat, so würden 80 Millionen auch
nicht viel für den Zinsendienst besagen. Aber vor allem kommt diese Ziffer
von 80 Millionen für den Zinsendienst gar nicht in Betracht, denn sie stellt
sa nicht etwa den Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben dar, sondern
lediglich das Mehrerträgnis der Einnahmen des ordentlichen Budgets gegen
die Einnahmen des Vorjahres. Solange man nicht weiß, ob nicht — was
sicher ist — auch die Ausgaben für diesen Zeitraum ganz erheblich gewachsen
find, wäre es eine Frivolität sondergleichen, daraus irgendwelche Schlüffe zu
ziehen. Das Berliner Tageblatt weist sehr richtig darauf hin, daß für 1904
das ordentliche Budget allerdings 111 Millionen Mark Ueberschuß erbracht
hat, daß aber das Gesamtbudget trotz der Einrechnung der Anleiheerlöse
einen Fehlbetrag von 334 Millionen Rubel auswies. Dieses Defizit ver
ringerte sich durch Restkredite früherer Finanzperioden auf 317 Millionen Rubel.
Einer vierten, allerdings sehr plumpen Fälschung macht sich der
Verfasser dieser Artikelserie in der Vossin in bezug auf die Steuerbelastung
der Bauern in Rußland schuldig. Er berechnet, daß von den 2 Milliarden
Rubel Budgeteinnahmen aus Grundsteuern nur 122 Millionen, aus Ablösungs
zahlungen nur 6% Millionen Rubel stammen und meint, diese 128 '^Millionen
Rubel konnten angesichts einer Bevölkerung von 135 Millionen Menschen
nicht gerade exorbitant genannt werden. Schon dieser Vergleich ist eine
horrible Naivität. Denn der Verfasser müßte wissen, daß in Rußland auch
nicht annähernd 135 Millionen Menschen Steuern zahlen, daß also schon die
von ihm berechnete Belastung gar nicht so harmlos ist. Wäre sie wirklich so
harmlos, woher kommen dann die etwa 123% bäuerlichen Steuerrückstände
in Rußland? Aber auch die Belastungsziffer ist falsch. Der Bauer zahlt
an den Staat erhebliche Abgaben auf dem Umwege des Branntweinmonopols
und der verschiedenen Akzisen, z. B. auf Zucker. Vor allem hat der ständige
Rückgang der russischen Getreidepreise den Bauer derartig geschädigt, daß er,
in Aequivalente Roggen und Weizen umgerechnet, für Baumwolle zweieinhalb-
mal mehr zu zahlen hat, als der deutsche Bauer, für Soda dreimal mehr,
für Steinkohle sechsmal mehr, für Zucker zweieinhalbnial mehr und für Tee
zehnmal mehr. Das erhellt ohne weiteres blitzartig die wirtschaftliche Situation
des russischen Bauern.