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,Vom Wirtschaftsleben und seiner Theorie“,
bürgter Dauer? Nun müssen sich aber nachweislich drei Fachwissen
schaften in die Aufgabe teilen, dieses Problem zu lösen. Denn nicht
minder nachweislich vollzieht sich die Gestaltung sozialen Lebens auch
praktisch auf drei verschiedene Richtpunkte hin: Lebenseintracht,
Lebenszwietracht, Lebensnot. Diese Gestaltung läßt sich daraufhin
begrifflich in drei Teilgestaltungen zerlegen. Immer nur einer davon,
also nur immer der Gestaltung in einem bestimmt einseitigen Geiste,
nur ihr ist die einzelne Fachwissenschaft noch gewachsen; das heißt,
nur in dieser notgedrungenen Einseitigkeit weiß Fachwissenschaft das
menschliche Zusammenleben so zu bewältigen, daß sie es gleichsam
geistig umlegt zu einem begrifflichen Allzusammenhang. Seiner „dis
kursiven“ Natur gemäß vermag begriffliches Denken eben stets nur
einem Hasen nachzulaufen, sofern es in sich einheitlich bleiben will.
Es interessiert hier nicht, wie neben der Nationalökonomie, erstens,
eine Schwesterwissenschaft möglich bleibt vom Politisch-Sozialen; sie
arbeitet alle „Gesellung“ und deren Um und Auf aus dem Zusammen
leben heraus, will sagen, alle Gestaltung im Geiste dauernden Einklangs
von Zwang und Freiheit. Und wie sich daneben noch eine dritte
Wissenschaft als Aufgabe ergibt, jene vom Spezifisch-Sozialen, vielleicht
als „Soziologie“ tiefsten Sinnes; ausgerichtet auf alle „Gemeinschaft“,
alle Gestaltung nämlich im Geiste des Sich-in-innerem-Einverständnis-
finden. Auch das interessiert hier nicht weiter, wie diese drei
Schwestern das nämliche erlebte Leben nur immer anders sehen; so
erscheint zum Beispiel ein und dasselbe, wuchtigste Gebilde der
Schicksalswelt, das alle andern unter und über sich trägt, es erscheint
der einen Disziplin etwa als „Volk“, der zweiten etwa als „Staat“,
der dritten als „Volkswirtschaft“. Dafür verwende ich immer das
Gleichnis vom Teppich mit dem grün-weiß-roten Muster, woraus die
eine der Schwestern alles Weiß, die andere alles Rot, die dritte alles
Grün als zusammenhängende Figur heraussieht, während der jeweilige
Rest des Musters zum bloßen, nicht weiter zusammenhängenden Hinter
grund wird.
Dies alles sei übergangen: leuchtet es doch ohnehin ein, welche
Teilgestaltung menschlichen Zusammenlebens einseitig die National
ökonomie aufs Korn nimmt, sie als die Wissenschaft vom Ökono
misch-Sozialen: jene einfach, die im Geiste dauernden Ein
klangs von Bedarf und Deckung erfolgt 1 Denn nur so läßt
sich im Wege der Gestaltung Trotz bieten der Lebensnot. Diese ver
schuldet ja grundsätzlich eine ewige Spannung zwischen Bedarf und
Deckung — leistungstheoretisch gesehen ist dies die sogenannte
„Güterknappheit“. Diese Spannung droht sich allemal in Streit aus