368 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.
ein Werk ihres Hauptvertreters, des heiligen Bernhard, und seine
Ereignisse vollziehen sich im Gegensatz, ja im Triumph gegen
die widerstrebenden großen politischen Gewalten der Zeit, gegen
das deutsche Königtum und die Kurie.
In der Fortbildung des religiösen Lebens während dieser
Zeit bildet Frankreich ebenso, wie im 10. und 11. Jahrhundert,
den Herd der folgenreichsten Entwickelung. In Deutschland
war man zu einer Zeit, wo die alte Reformströmung schon
längst einen papalen, gregorianischen Charakter angenommen
hatte, in denjenigen Klöstern, die dem cluniacensischen Einfluß
in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts eine Reform ihres
religiösen Lebens verdankten, dieser alten cluniacensischen
Frömmigkeit noch länger treu geblieben. Und so trat denn zur
bittersten Zeit des Investiturstreites die eigenartige Thatsache
hervor, daß die deutschen Reformklöster, vor allem in dem
Kernlande der deutsch-religiösen Bewegung, in Lothringen,
keineswegs sofort päpstlich gesinnt waren; sie sahen die
hierarchische Wendung der Weltflucht als einen Abfall von den
ursprünglichen Grundsätzen der Reform, ja gradezu als deren
Verneinung an; hartnäckig widerstanden grade die lothringischen
Bischöfe den Einwirkungen Gregors VII., und antigregorianisch
waren alle Klöster im Bistum Lüttich mit Ausnahme der
Ardennenabtei St. Hubert.
Der Kurie mußte es demgegenüber auf eine Verbreitung
des jüngeren, specifisch gregorianisch-cluniacensischen Geistes in
Deutschland ankommen. Ihr Werkzeug zu diesem Ziele ward,
nach geringeren Anfängen von anderer Seite her, der Abt
Wilhelm von Hirsau, der Sproß eines edlen bairischen Ge—
schlechtes, eine durchaus fromme Natur, bei aller Anlage zur
Selbstkritik doch streitbar, ja hitzig, dabei mit allen äußeren
Fähigkeiten kirchlicher Agitation und Repräsentation begabt:
von mächtigem Körper, eindrucksvollem Antlitz und beherrschen—
der Stimme. Früh in Furcht und Kasteiung dem asketischen
Ideale zugereift, ward er im Jahre 1071 Abt der etwas zurück—
gegangenen Abtei des heiligen Aurelius zwischen den Wiesen—
gründen und Forellenbächen des Nagoldthales im Schwarzwald.