Full text: Die deutsche Wirtschaft

Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 515 
substanz war diese Aufgabe zunächst nicht durchzuführen. Aber man 
unterschätzte den Ertrag der durch die Steuernotverordnungen ein- 
geführten Reichssteuern, die über 2 Milliarden mehr als veranschlagt 
brachten. Man entschloß sich daher, zum 1. Oktober 1924 die Umsatz- 
steuer von 2% auf 2, und zum 1. Januar 1925 auf 1% % — zu diesem 
Termin ward auch die erhöhte Umsatzsteuer von 15 auf 10 % herab- 
gesetzt — sowie zum 1, Dezember die Vorauszahlungen auf die Ein- 
kommen- und Körperschaftssteuer auf drei Viertel der bisherigen zu 
senken, Diese Ermäßigungen haben der Reichskasse keinen Einnahme- 
ausfall gebracht. Der Januar hat trotzdem noch 83 Millionen Reichs- 
mark mehr ergeben als der korrespondierende Monat Oktober des 
vorangegangenen Quartals, und der Februar noch mehr als der Kor- 
respondenz-Monat November, Im Februar hatte die Reichskasse einen 
Einnahmeüberschuß von 100 Millionen Reichsmark! 
Die weiter geplanten Steuerermäßigungen sind ungenügend. Die 
großen Überschüsse und die unglücklichen Zuschüsse des Reichs an 
Länder und Gemeinden lähmen überall das Verantwortlichkeitsgefühl 
für die Ausgaben, Die Ansprüche der beiden letzteren an den Reichs- 
säckel wachsen ständig und noch stärker die der Beamten, Trotz des 
großen Beamtenabbaues im Reich sind allein dessen Personalausgaben 
noch 210 Millionen Reichsmark größer als vor demselben vor Jahres- 
frist. Trotzdem das Reich den Ländern die meisten Aufgaben auf dem 
Steuergebiet abgenommen hat, kostet beispielsweise Preußen sein 
Finanzpersonal heut 40 Millionen Reichsmark mehr als vor dem Kriege. 
Das Reich gibt allein für die Besoldung seiner Finanzbeamten rund 
500 Millionen Reichsmark aus — eine Folge seiner unübersichtlichen 
und unsagbar komplizierten Steuergesetze. 
Am schlimmsten ist die Finanzwirtschaft der Gemeinden. Eine bei 
95 größeren Gemeindeverwaltungen vorgenommene Enquete ergab, daß 
diese durchschnittlich 54,2 % mehr Beamte und Angestellte beschäftig- 
ten als vor dem Kriege, und deren Mehrzahl ist in weit höhere Gehalts- 
klassen eingestuft als ihrer Amtsstellung entspricht. Für die Industrie- 
gemeinden des Westens ist das Beispiel der einen typisch, in der sich 
gegen die Vorkriegszeit die Bevölkerung um 20, die Zahl der Gemeinde- 
beamten um 70, deren Gehaltssumme aber um 142 % vermehrt hat. Daß 
die Gemeindeausgaben sich je Kopf der Bevölkerung auf das 21%fache 
der früheren erhöht haben, ist keine Seltenheit. 
Wenn Deutschland es nicht fertigbringt, diesen unsagbar auf- 
geblähten Verwaltungsapparat auf ein vernünftiges Maß einzu- 
schränken, kann es nicht erhoffen, seiner Verelendung Herr zu werden. 
Es muß sich ein Beispiel an den Vereinigten Staaten von Amerika 
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