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starke Missernte sie auf eine längere Zeit in eine schwierige Lage setzt.
Darum ist ein solcher Bauer gezwungen, nicht nur für ein, sondern für
zwei, mitunter drei Jahre sich zur Lohnarbeit zu verdingen, ln allen uns
über die bäuerliche Wirtschaft berichtenden Quellen, sowohl in den Semstwo-
materialien, wie auch in den Mitteilungen der Gutsherren an das Acker-
bauministerium, finden wir solche Schilderungen der bedrängten Lage
der Bauern in dem einer Missernte folgenden Jahre. Zuerst wird das
Nutzvieh verkauft, um die Abgaben und Steuern zu entrichten und den
Mangel an Getreideprodukten in der eigenen Wirtschaft zu beseitigen.
Da dies aber nicht reicht, so verdingt sich der Bauer als Lohnarbeiter,
um Geld zu verdienen, oder sogar auch, um nur die Beköstigung zu
erhalten. Manchmal werden auch Geräte verkauft, und da unter solchen
Umständen der Bettler nicht so leicht wieder seine in Verfall geratene
Wirtschaft in einen guten Zustand bringen kann, so wird er gezwungen,
auch im folgenden Jahre als Lohnarbeiter auf dem Felde des Gutsherrn
zu arbeiten, jetzt aber, um' mittels des erworbenen Geldes die Geräte
und das Vieh wieder zu kaufen.
Was die Tagelöhne für die Bestellarbeiten im Herbst anbetrifft,
so werden sie auch durch den Ernteausfall, aber nur den desselben
Jahres, bestimmt. Auch in diesem Falle gilt es: je grösser die Missernte
ist, desto mehr Bauern sind genötigt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen,
desto niedriger steht der Arbeitslohn; und umgekehrt: in den Jahren der
guten Ernte stehen die Tagelöhne im Herbst ziemlich hoch, da es weniger
freie Arbeitskräfte gibt. Die wohlhabenden Bauern, die eine grössere
Wirtschaft besitzen, verdingen nach einer reichen Ernte weder sich noch
ihre Familienangehörigen als Lohnarbeiter, sondern dingen bei Erweiterung
ihrer Anbaufläche noch fremde Arbeiter dazu.
In der Regel stehen die Tagelöhne für Besteliarbeiten im Herbst
höher als im Frühjahr, da die Arbeit schwerer ist. ln den Jahren der
Missernte aber können die Herbstlöhne niedriger als die Löhne im Früh
jahr stehen. So war es z. B. der Fall bei den starken Missernten in
den Jahren 1893 und 1899 im Gouv. Cherson.
Mit der Heuernte beginnt die Zeit des Zuströmens der Wander
arbeiter in die südrussischen Gouvernements. In grossen Scharen kommen
die Massen der Arbeiter nach Neurussland. Zum 9. Mai, zur Zeit der
grossen Messe in Kachowka (Taurien), beeilen sich die Arbeiter, zu
diesem grössten Arbeitermarkte des Südens zeitig anwesend zu sein. Von
Anfang Mai werden also schon die Erntearbeiten mit Zuziehung der
Wanderarbeiter ausgeführt. Zur Zeit der Heu- und Getreideernte richten
sich die Löhne nach dem Bedarf seitens der Arbeitgeber an Arbeits-