Full text : Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

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sie  auch  im  Jahre  1902  bei  der  Beratung  über  die  Nöte  der  russischen
Landwirtschaft  wiederholen.  So  sagt  sie:  «Die  Zuwanderung  geschieht
ganz  chaotisch  und  zum  Schaden  sowohl  der  Arbeitgeber  als  auch  der
Arbeiter.  Diese  verteilen  sich  in  den  verschiedenen  Gegenden  so  ungleichmässig,
  dass  dadurch  Mängel  oder  Ueberschuss  an  Arbeitskräften
und  die  Lohnsätze  nie  im  voraus  zu  sagen  sind.»  Dasselbe  berichtet
auch  die  Semstwo  vom  Gouv.  Cherson.
Mit  Beginn  des  Frühjahrs  fängt  die  grosse  Wanderung  der  russischen ­
  Bauern  an.  Die  meisten  werden  durch  ihre  wirtschaftlichen  Nöten
gezwungen,  sich  als  Wanderarbeiter  in  die  entferntesten  Gebiete  zu  begeben. ­
  Viele  werden  aber  auch  durch  den  Wunsch,  «die  grosse,  weisse
Welt»  zu  sehen,  geleitet.  Da  die  Wanderarbeiter  nach  der  Rückkehr  in
die  Heimat  durch  ihre  Erzählungen  die  jüngeren  Bauern  zu  interessieren
suchen,  so  werden  viele  bewogen,  sich  auch  dem  «wandernden  Russland»
anzuschliessen.  Mit  den  Steppen  und  ihrer  früheren  Weite  verbinden  sich
viele  Schätze,  und  romantische  Träume  und  Abenteuerlust  verflechten  sich
mit  dem  Wunsch,  Geld  zu  verdienen.  Schon  zu  Ende  der  Winterszeit
laufen  in  allen  diesen  Gouvernements,  woher  die  Wanderarbeiter  kommen,
Gerüchte  über  die  ausgezeichneten  Ernteaussichten  in  Südrussland  herum.
Manchmal  werden  diese  Gerüchte  von  den  Arbeitgebern  selbst  verbreitet,
um  durch  die  Zuströmung  grosser  Massen  reichliche  und  billige  Arbeitskräfte ­
  zu  bekommen. 1 )  Aber  in  vielen  Fällen  sind  es  ganz  unbestimmte,
man  weiss  nicht  woher  kommende  Gerüchte,  die  die  grossen  Massen  von
Arbeitern  nach  den  südrussischen  Gouvernements  heranziehen.  So  z.  B.
war  im  Herbst  des  Jahres  1899  im  Gouv.  Kiew  unter  den  Bauern  ein
Gerücht  verbreitet  von  einer  besonders  grossen  Nachfrage  seitens  der
Arbeitgeber  nach  Arbeitskräften.  Es  begann  schon  eine  starke  Abwanderung; ­
  als  aber  der  Generalgouverneur  von  Kiew  den  Generalgouverneur ­
  von  Taurien  darüber  um  Auskunft  fragte,  stellte  es  sich  heraus,
dass  es  gar  keinen  Bedarf  an  Wanderarbeitern  gäbe.  Mit  grosser  Mühe
konnte  man  die  wanderlustigen  Arbeiter  zu  Hause  festhalten. 2 )  Einige
Jahre  später  lief  wieder  durch  Zentralrussland  ein  Gerücht  von  angeblichen ­
  Arbeiten  zum  Bau  des  Perekopkanals  in  der  Krim.  Es  begann
eine  grosse  Abwanderung.  Viele  verliessen  ihre  Wirtschaften  und  zogen
mit  verschiedenen  Werkzeugen  nach  Taurien.  Alle  Vorschläge,  die  ihnen
unterwegs  auf  verschiedenen  Gütern  gemacht  wurden,  lehnten  sie  ab,
da  sie  beim  Durchbruch  der  Landenge  von  Perekop  höhere  Löhne  zu

')  Vgl.  Worb:  Die  Landarbeiter  im  Leben  und  in  der  Gesetzgebung,  1899.
2 )  Schachowsky  :  Die  Wanderarbeiter  in  der  Landwirtschaft  S.  32—33.
            
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