Full text: Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

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hungrigen und von dem langen Warten auf Arbeit ermüdeten Arbeiter 
für einmal gutes Essen und viel Schnaps sich für niedrige Löhne ver 
dingen. In einigen Fällen werden den Arbeitern ihre Joppen genommen als 
Unterpfand, dass sie in die Gutswirtschaft kommen. Am häufigsten aber 
werden ihnen die Pässe genommen. Einige Agenten machen sich einen 
Beruf aus der Werbung der Arbeiter auf den Märkten, manche verstehen 
noch einen guten Verdienst herauszuschlagen. Sie dingen die Arbeiter 
zuerst für einen höheren Lohn und ziehen sich dafür von allen Arbeitern 
einige Rubel ein, dann übergeben sie diese Arbeiter einem anderen Ar 
beitgeber, um von diesem auch belohnt zu werden. So vollzieht sich 
ein Handel mit Menschen, wie zur Zeit der Leibeigenschaft. 
Aber auch diese Methoden werden immer mehr durch die gewöhn 
lichen Vertragsabschlüsse verdrängt. Ein steigendes Verständnis für ihre 
Interessen ermöglicht den Bauern, sich gegen die verschiedenen Prak 
tiken der Ausbeutung und Uebervorteilung seitens der Arbeitgeber zu 
wehren. 
Sind die Arbeiter gedungen und auf die Gutswirtschaft gebracht, 
so beginnt für sie jetzt eine reine Leidenszeit. Wie die Nahrungszustände 
und Wohnungsverhältnisse sind und wie es mit der Arbeitszeit auf den 
Latifundien steht, haben wir schon im vorangehenden Kapitel gesehen. 
Jetzt haben wir nur die rechtliche Stellung des Landarbeiters zu er 
örtern. 
Es gibt zweierlei Arbeitsverträge, schriftliche und mündliche. Die 
ersten kommen seltener vor. Die meisten Arbeiter sind Analphabeten. 
Aber da die Arbeitgeber die schriftlichen Verträge immer nur zu ihren 
Gunsten auszulegen verstehen, so verzichten auch die des Schreibens 
kundigen Arbeiter auf die schriftlichen Arbeitsverträge. Dazu kommt 
noch, dass das Gesetz vom 12. Juni 1886 keine bestimmte Vorschrift 
darüber festsetzt. 
Die schriftlichen Verträge werden am meisten nur mit den ge 
lernten oder mit den Jahresarbeitern, auch mit dem Gesinde, abge- 
schlosen. (Im Anhang wird ein solcher Vertrag als Beispiel aufgeführt.) 
Beim Verdingen der Arbeiter auf den Arbeitsmärkten ist es sogar un 
möglich, schriftliche Verträge mit mehreren Dutzenden, oft auch mit Hun 
derten von Arbeitern abzuschliessen. Die Tagelöhner werden meistens 
nur für 1—2 Wochen gedungen, sodass die Abfassung schriftlicher Ver 
träge als Zeitverlust betrachtet wird. 
Folgendes Bild wird uns über das Verdingen der Arbeiter ent 
worfen: «Eine Masse von Arbeitern umringt den Agenten und über die 
Köpfe hinüber übergibt einer nach dem andern seinen Pass. Die Pässe
	        
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