E s hat bisher auf dem deutschen Büchermärkte nicht nur an einer Serie
von Broschüren gefehlt, welche die wirtschaftlichen Zeitfragen im Zusammenhänge
mit ihren sozialen Folgen behandelte, sondern es hat sogar
eine Literatur die Oberhand gewonnen, welche sich einseitig im Ausbau
sozialer Forderungen gefallt, ohne auf die wirtschaftliche Erfüllbarkeit derselben
Rücksicht zu nehmen. An Stelle einer ernsten wissenschaftlichen Betrachtung,
welche nur mit dem Möglichen und dem der Gesamtheit dös nationalen Wirtschaftslebens
Gedeihlichen rechnet, ist in weitem Umfange ein Sozialmoralismus
getreten, welchem der Ausbau immer neuer ideologischer Gebilde geradezu als
Selbstzweck erscheint und welcher aus Gleichheitsfanatismus meist grundsätzlich
und ohne erst in die Prüfung der Sachlage einzutreten, jedweden Anspruch
der mechanischen Arbeit gegenüber der höheren Intelligenz verficht. Es ist
Sitte geworden, über die Bedeutung des Unternehmertums für die Volkswirtschaft
leicht hinwegzusehen und von dem Arbeitgeber nur in geringschätzigem
und hämischem Tone zu sprechen. Seltsamerweise segelt diese
Sozialideologie sogar mit Vorliebe unter der Flagge der „Sozialen Praxis“.
Sie hat ein vom Produktionsproblem unabhängiges Verteilungsproblem erfunden,
welches es in der Welt der Wirklichkeit gar nicht gibt, und sich
sorgsam gegen viele auf empirischem Wege gewonnene neue Beiträge zur
wirtschaftlichen Erkenntnis abgesperrt. Dadurch, dass es deutsche Universitätslehrer
nur allzu oft jungen Schülern überliessen, zur Bearbeitung noch niemals
wissenschaftlich behandelter wirtschaftlicher Zeitfragen Material herbeizuschaffen
und zu ihren Erstlingswerken zu verarbeiten, ist eine oft recht unreife und
der Praxis fremde Literatur entstanden, welche nicht selten halb unverstandene
einseitige Lieblingsgedanken der Lehrer auf ungenügend erfasste wirtschaftliche
und soziale Verhältnisse anwendet. Durch ihr Erscheinen in Serienform
hat sich dieselbe vielfach selbst eine gewisse Dauer auf dem volkswirtschaftlichen
Büchermärkte zu sichern gewusst. Das gilt von den Problemen der
Handelspolitik, von dem Lohnproblem, von dem Arbeitsvertrage, von der
Arbeiterversicherung und von dem Syndikatswesen in gleicher Weise. Selbst
das Verkehrswesen ist von der rein ideologischen Betrachtungsweise nicht ganz
verschont geblieben. Als die letzte Glanzperiode unseres Wirtschaftslebens
das Syndikatsproblem vor das Auge der Oeffentlichkeit zog, stand ihm die
akademische Volkswirtschaft Deutschlands geradezu ratlos gegenüber. Kathedersozialismus,
Sozialmoralismus und handelspolitischer Doktrinarismus sind vielfach
Hand in Hand gegangen und haben Kartenhäuser aufgebaut, die keinem
Windstosse der Wirklichkeit standhalten können.
(Fortsetzung s. S. 3 des Umschlags.)