Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 321
zwischen Rom und der Pataria. Erzbischof Wido von Mai—
land mußte sich 1059 allen ihren Forderungen unterwerfen und
der Simonie und dem Nikolaitismus abschwören: es war ein
vollständiger Sieg der Reform auch in Oberitalien.
Dies alles nun, die Gewinnung der Normannen, das Ein⸗
verständnis mit Gottfried von Tuscien, der Bund mit der
Pataria, stärkte die Stellung des Papsttums beim Beginn des
großen Kampfes. Und schon holte die Kurie zu einem un—
mittelbaren Schlage gegen das deutsche Königtum aus. Auf
der österlichen Lateransynode des Jahres 1059 wurden Be—
stimmungen zur Regelung künftiger Papstwahlen getroffen.
Darnach behielten römischer Klerus und römisches Volk nur
das Recht einer im wesentlichen formellen Zustimmung. Eigent—
liche Wähler des Papstes wurden vor allem die sieben Kardinal—⸗
bischöfe; eine Mitwirkung des deutschen Königs war nur in
einer Klausel vorgesehen, deren unbestimmt gehaltener Inhalt
im Grunde zu nichts verpflichtete. Der Papst ließ sie oben—
drein einfach weg, als er das Dekret in einem Rundschreiben
bekannt gab.
Wie wurden nunn diese unglaublichen Vorgänge in Deutsch—
land aufgenommen? Trotz des traurigen Regiments der kaiser—⸗
lichen Frömmlerin wurde schließlich der Gesandte, der das
Wahldekret über die Alpen brachte, vom Hofe abgewiesen. Es
kam Anfang 1061 zu einer Synode, auf der deutsche Bischöfe
und höfische Ratgeber unter dem Vorsitz des jungen Königs
eine Haltung annahmen, die an frühere, stolzere Zeiten er—
innerte. Die Neuerungen des Papstes wurden für ungültig
erklärt; auch seine Person wurde verdammt, und sein Name
sollte aus den kirchlichen Listen gestrichen werden.
Ehe man sich indes fragen konnte, wie sich etwa eine Art
deutscher Sonderkirche mit einem deutschen Kaisertum würde
bereinen lassen, ja, ehe es zu weiteren Erklärungen zwischen
Rom und der deutschen Kirche kam, starb Papst Nikolaus II.,
am 27. Juli 1061.
Rasch wählte man in Rom einen neuen Reformpapst nach
der neuen Wahlordnung; unter dem Schutze der Normannen
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 21