Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

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II. Teil. Arbeiterwolilfahrtspolitik. 
ihre Tätigkeit unter Kontrolle, kann durch Maschinen und Vorrich 
tungen, durch zweckmäßige Organisation und technische Arbeitsteilung 
trotz der höheren Lohnsätze für die einzelnen Arbeiter oft im ganzen 
noch billiger produzieren und erspart sich all die Unbequemlichkeiten, 
die durch den geschäftlichen Verkehr mit einer großen Zahl zerstreut 
wohnender Hausindustrieller entstehen usw. Namentlich für diejenigen 
Unternehmer, welche bisher nur zur Ergänzung ihres eigenen Fabrik 
betriebes Hausindustrielle beschäftigten, würde die Einführung gesetz 
licher Mindestlöhne (Mindestpreise) für diese Außenarbeiter in sehr 
vielen Fällen der Anlaß sein, auf die Heranziehung hausindustrieller 
Arbeiter überhaupt zu verzichten. Ein großer Teil der Hausindu 
striellen, z. B. in der rheinischen Wollindustrie, in der schlesischen 
Leinenindustrie usw., findet gerade bei solchen Unternehmern entweder 
die einzige oder doch die verhältnismäßig günstigste Arbeitsgelegen 
heit. Diese geht ihnen infolge eines solchen Eingriffs bald verloren. 
Der Unternehmer braucht für die fabrikmäßige Arbeit, die er an die 
Stelle der hausindustriellen setzt, zwar Arbeitskräfte, aber im Ver 
hältnis weniger, weil er sich mehr auf wirksame Kraft- und Arbeits 
maschinen und auf wohlüberlegte Arbeitsteilung stützen kann. Ein 
Teil der bisher von ihm beschäftigten Hausindustriellen wird also 
überhaupt entbehrlich, und soweit er neue Arbeitskräfte braucht, 
werden sich die Hausindustriellen der 'so gebotenen Arbeitsgelegen 
heit oft nicht bedienen können. Sie haben vielfach ihr Häuschen 
und ein Stück Land. Mags auch wenig einbringen, aufgeben können 
sie es nicht. Wenn sie nicht in dieser Weise an die Scholle gefesselt 
sind, werden sie wieder dadurch in sehr vielen Fällen geschädigt, daß 
sie ihre Maschinen und Geräte, die sie bisher zur gewerblichen Ar 
beit brauchten, nicht in die Fabrik mitnehmen können und deshalb 
ertraglos stehen lassen müssen. In diesen Maschinen und Geräten 
steckt ein Kapital, das für die Verhältnisse der Hausindustriellen 
nicht leicht zu erschwingen war. In der hausindusturiellen Stickerei 
in Vorarlberg, im bayrischen Allgäu, in Hohenzollern, im württem- 
bergischen Hauptzollamtsbezirk Friedrichshafen finden sich Tausende 
von Kurbelstickmaschinen im Besitz der Landbevölkerung, die sich 
damit einen Zuschuß zu dem kärglichen Ertrage ihrer landwirtschaft 
lichen Arbeit erwirbt. Solche Maschine kommt auf nahezu 200 M. 
zu stehen. Vereinzelt finden sich auch „Schweizer Handstickmaschinen“ 
(große Flachstickmaschinen), die etwa 10 mal so teuer sind. Bei Ein 
führung gesetzlicher Mindestlöhne würden in diesen Gebieten Stickerei 
fabriken entstehen, und ein großer Teil der Arbeit, der bisher im 
Wege des Veredlungsverkehrs für Schweizer Firmen durchgeführt 
wurde, würde in die in der Schweiz bereits bestehenden und in die 
dort neu zu begründenden Fabriken übersiedeln. Die Landbevölkerung
	        
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