Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

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I.  Teil.  Allgemeines.

2.  Kapitel.  Voraussetzungen  der  Sozialpolitik.
§  1.  Sachliche  Notwendigkeit  und  Möglichkeit  der  Sozialpolitik.
Eingriffe  zugunsten  der  in  bedrängter  Lage  befindlichen  Volksklassen ­
  sind  nicht  ausschließlich  der  neuesten  Zeit  eigen.  Es  hat  ja
schon  in  frühen  Zeiten  Menschen  gegeben,  die  ihr  Leben  in  unselbständiger ­
  Lohnarbeit  zuzubringen  genötigt  waren,  und  deren  Verhältnisse ­
  auch  wohl  gelegentliche  Eingriffe  nötig  machten.  Aber  im  Laufe  des
19.  Jahrhunderts  haben  sich  in  allen  Kulturstaaten  die  Verhältnisse  verschoben. ­
  Am  stärksten  fallen  die  Verschiebungen  ins  Auge,  die  durch
die  neue  gewerbliche  Entwickelung  hervorgerufen  sind.  In  den  Kulturstaaten ­
  hat  die  gewerbliche  Arbeit  auch  im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
ebenso  wie  in  noch  früheren  Zeiten  eine  durchaus  nicht  zu  unterschätzende ­
  Bedeutung!  gehabt.  Im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  aber  hat
sie  allenthalben  stark  und  schnell  zugenommen,  wenn  auch  nicht  in
allen  Ländern  gleichen  Schrittes.  Gleichzeitig  sind  ihre  wirtschaftliche
und  technische  Organisation  durch  das  Vordringen  kapitalkräftiger  und
leistungsfähiger  Großbetriebe  und  ihre  Produktionsbedingungen  durch
die  Ablösung  vom  lokalen  Bedarf  und  durch  die  Ausweitung  der  Bezugsgebiete ­
  für  die  Rohstoffe,  der  Absatzgebiete  für  die  Erzeugnisse
und  des  Einflußbereiches  konkurrierender  Produktionsgebiete  wesentlich
anders  geworden.  Die  gewerbliche  Bevölkerung  hat  im  ganzen  infolge ­
  dieser  Entwickelung  eine  größere  Bedeutung  gewonnen.  In
Deutschland  ist  zwar  die  Landwirtschaft  mit  den  ihr  verwandten
Berufsarten,  als  ganzes  gefaßt,  noch  immer  der  wichtigste  und  größte
Berufszweig;  aber  in  den  ersten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts  war
ihr  Anteil  an  der  Gesamtbevölkerung  noch  erheblich  größer.  Auch
zwischen  den  Berufszählungen  von  1882  und  1895  hat  sich  der  Anteil
vermindert.  Die  Statistik  drückt  diese  Tatsache  durch  folgende  Zahlen
aus.  Von  der  Bevölkerung  waren  beteiligt  nach  dem  Hauptberuf  an:
landwirtschaftlichen  Berufen  gewerblichen  Berufen  (einschl.  Bergbau
und  Baugewerbe)
1882  ....  42,51  %  35,51%
1895  ....  35,74%  39,12%
Dabei  ist  aber  zu  berücksichtigen,  daß  ein  Teil  der  gewerblichen  Bevölkerung ­
  nach  der  Art  und  dem  Ort  der  Berufstätigkeit  mit  den
landwirtschaftlichen  Berufen  eng  zusammenhängt,  und  daß  von  den
rund  5  Mill.  Nebenberufsfällen,  die  vorstehend  nicht  berücksichtigt
sind,  fast  %  auf  landwirtschaftliche  Arbeit  kommen.  Die  Zahl  der
Erwerbstätigen  im  Hauptberuf  war  in  den
1882  1895
landwirtschaftlichen  Berufen  .  .  .  8236496  8292  692
gewerblichen  „  ...  6396465  8281220
Bei  der  Landwirtschaft  ist  also  nur  eine  geringe,  bei  den  gewerblichen
Berufen  eine  sehr  bedeutende  Steigerung  eingetreten.  Noch  deutlicher
            
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