Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

18  I.  Teil.  Allgemeines.

mögliche  Milderung  der  hervorgetretenen  Mißstände  sucht  die  Sozialpolitik ­
  herbeizuführen.
Wenn  ein  Abstand  zwischen  berechtigten  Bedürfnissen  und  den
Lebensverhältnissen  der  wirtschaftlich  unselbständigen  Klassen  anerkannt ­
  werden  muß,  so  liegt  darin  keineswegs,  daß  diese  Verhältnisse
einer  aufwärtssteigenden  Entwickelung  überhaupt  entbehren  mußten.
Solche  Fortschritte  sind  unbestreitbar.  Alle  statistischen  Untersuchungen
ergeben,  daß  in  den  Kulturländern  die  Lohnverhältnisse  seit  längerer
Zeit  im  wesentlichen  eine  steigende  Richtung  bei  gleichzeitiger  Verkürzung ­
  der  Arbeitszeit  verfolgen.  Im  letzten  halben  Jahrhundert  hat
sich  nach  den  vorliegenden  Untersuchungen  der  Lohn  in  den  Hauptkulturländern ­
  um  50—100°/o  gesteigert;  der  Anteil  der  Arbeiter  am
Produktionsertrage  ist  also  wesentlich  gewachsen,  während  andererseits
die  Preise  wichtiger  Bedarfsartikel  in  den  letzten  Jahrzehnten  mehr  eine
sinkende  als  eine  steigende  Richtung  innehalten  und  da,  wo  sie  gestiegen ­
  sind,  sich  nicht  in  demselben  Maße  erhöht  haben,  wie  die  Löhne,
abgesehen  freilich  von  den  Wohnungsmieten  in  nicht  wenigen  Orten.
Im  ganzen  ist  die  Grundlage  der  materiellen  Existenz  der  Arbeiter
günstiger  geworden.  Wenn  Karl  Marx  1865  annahm,  daß  2/3  der
nationalen  Produktion  von  1 jb  der  Bevölkerung  verbraucht  werden,
d.  h.,  daß  die  große  Masse  des  Volkes  nur  einen  dürftigen,  im  ganzen
nur  1/3  der  nationalen  Produktion  umfassenden  Verbrauch  durchführen ­
  könne,  so  wird  sich  ein  so  ungünstiges  Verhältnis  jetzt  in  keinem
Kulturstaate  nach  weisen  lassen.  Die  Berechnungen,  die  über  diese
Frage  für  Deutschland  in  Schmollers  Jahrbuch  1899  von  R.  E.  Mat
angestellt  sind,  und  die  den  für  den  Verbrauch  von  den  geringeren
und  höheren  Einkommensstufen  aufgewendeten  Geldbetrag  zu  ermitteln
suchen,  ergeben  für  die  Einkommen  unter  1050.M.  einen  Verbrauch,
der  sich  auf  2/3  des  Gesamtverbrauchs  des  deutschen  Volkes  stellt.
Ob  diese  Berechnungen  in  allen  Einzelheiten  einwandfrei  sind,  kann
hier  nicht  untersucht  werden;  wenn  sie  aber  auch  nur  annähernd  zutreffen, ­
  so  zeigen  sie,  daß  die  pessimistische  Auffassung  von  Marx
ebensowenig  haltbar  ist,  wie  seine  Theorie  von  der  Verelendung  der
Massen.  Gleichzeitig  ergibt  sich  aber  auch,  welche  Bedeutung  für
die  nationale  Produktion  gerade  dem  Verbrauch  der  Massen  zukommt,
und  wie  wichtig  es  ist,  deren  Verbrauchskraft  zu  steigern.
Sind  hiernach  auch  Fortschritte  in  den  materiellen  Lebensbedingungen ­
  unverkennbar  und  nachgewiesen,  so  ist  doch  mit  der  Tatsache ­
  zu  rechnen,  daß  im  ganzen  das  Einkommen  der  Arbeiter  aus  ihrer
Arbeit  in  bescheidenen  und  nicht  für  alle  Wechselfälle  des  auf  sich  selbst
gestellten  Arbeiters  ausreichenden  Grenzen  bleibt.  Rund  vier  Fünftel
des  deutschen  Volkes  kommt  über  ein  Einkommen  von  1050  M.  nicht
hinaus.  Daß  für  Fälle  der  Krankheit  und  sonstige  Störungen  der
            
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