Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

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II. Teil. Arbeiterwohlfahrtspolitik. 
13. Kapitel. Die Arbeiterwohnungsfrage. 
§ 1. Die Wohnungsmilsstände. Die unzulängliche Befriedigung des 
Wohnungsbedürfnisses ist überall und in allen Zeitaltern bei dem wirt 
schaftlich schwachen Teil der Bevölkerung wahrnehmbar. Legt man 
den heutigen Maßstab des durchschnittlichen Bedürfnisses in bezug 
auf Größe, Gesundheitsmäßigkeit und Behaglichkeit der Wohnungen 
an, so erscheinen die Wohnverhältnisse der handarbeitenden Bevölke 
rung in früheren Zeiten vielfach noch ungünstiger als die heutigen, so 
sehr die letzteren auch zu wünschen übrig lassen. Gleichwohl hat — 
und mit vollem Recht — vielleicht kein Zeitalter die Wohnungsfrage 
so ernst genommen, wie das unsere. Die heutige Generation kennt 
nicht nur die wirklichen Wohnverhältnisse — infolge einer schon jetzt 
kaum zu übersehenden Fülle statistischer und anderer wissenschaftlicher 
Materialien — besser als frühere, sondern ist sich auch der Gefahren und 
Härten klarer bewußt, die aus zu beschränkten, ungesunden und zu 
teuren Wohnverhältnissen der breiten Masse der Arbeiterbevölkerung 
hervorgehen. Die Wohnung ist in den Kulturstaaten von wesentlicher 
Bedeutung für die Gestaltung des Familienlebens. Mißstände im 'Woh 
nungswesen berühren deshalb unmittelbar die wichtigsten Lebens 
interessen der beteiligten Volkskreise und des Volkes überhaupt. 
Die Grenzen, die bei der Befriedigung des Wohnbedürfnisses dem 
Einzelnen gesteckt sind, hängen in erheblichem Maße von der Höhe des 
Einkommens ab. Das Einkommen der Arbeiter ist überall von be 
schränkter absoluter Höhe. Ihr Aufwand für die Wohnung kann sich 
deshalb immer nur in engen Grenzen halten, und das führt dazu, daß 
auch da, wo im allgemeinen die Wohnungsverhältnisse nicht ungünstig 
sind, doch die Haushaltungen mit geringem Einkommen die relativ 
schlechtesten Wohnungen innehaben, wie es sich wiederholt bei den 
angestellteu Untersuchnngen in einzelnen Orten gezeigt hat. In den 
größeren deutschen Städten wohnen 80 bis 90 °/o aller Bewohner nicht 
in eigenen Häusern, sondern in Mietwohnungen, und wie eng dabei 
für die meisten Mieter die Grenzen gezogen sind, ergibt sich aus dem 
starken und trotzdem nicht immer ausreichenden Bruchteil, den die 
billigen Wohnungen ausmachen. Nach den Berechnungen im statisti 
schen Jahrbuch deutscher Städte (1903) kamen z. B. 1900 von den 
Mietwohnungen (ohne gewerbliche Nebenbenutzung) auf die Jahres 
mieten von: 
250 M. 
251—500 M. 
250 M. 
251—500 M. 
u. weniger 
u. weniger 
in Chemnitz . 
. 76,5 % 
17,9 % 
in Hannover 
. 40,0 % 
39,2 % 
„ Lübeck . . 
. 71,5% 
20,1 °/° 
„ Altona . 
. 37,0 % 
52,6 % 
„ Breslau . . 
. 65,2 % 
19,9 % 
„ Dresden . 
. 35,2 % 
43,4 % 
„ Magdeburg . 
. 54,8 % 
32,4 % 
„ Hamburg 
. . 25,7% 
47,4 % 
„ Leipzig . . 
. 40,8 % 
41,7 % 
„ Mannheim 
. . 26,3 % 
54,1 %
	        
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