386
II. Teil. Arbeiterwohlfahrtspolitik.
13. Kapitel. Die Arbeiterwohnungsfrage.
§ 1. Die Wohnungsmilsstände. Die unzulängliche Befriedigung des
Wohnungsbedürfnisses ist überall und in allen Zeitaltern bei dem wirt
schaftlich schwachen Teil der Bevölkerung wahrnehmbar. Legt man
den heutigen Maßstab des durchschnittlichen Bedürfnisses in bezug
auf Größe, Gesundheitsmäßigkeit und Behaglichkeit der Wohnungen
an, so erscheinen die Wohnverhältnisse der handarbeitenden Bevölke
rung in früheren Zeiten vielfach noch ungünstiger als die heutigen, so
sehr die letzteren auch zu wünschen übrig lassen. Gleichwohl hat —
und mit vollem Recht — vielleicht kein Zeitalter die Wohnungsfrage
so ernst genommen, wie das unsere. Die heutige Generation kennt
nicht nur die wirklichen Wohnverhältnisse — infolge einer schon jetzt
kaum zu übersehenden Fülle statistischer und anderer wissenschaftlicher
Materialien — besser als frühere, sondern ist sich auch der Gefahren und
Härten klarer bewußt, die aus zu beschränkten, ungesunden und zu
teuren Wohnverhältnissen der breiten Masse der Arbeiterbevölkerung
hervorgehen. Die Wohnung ist in den Kulturstaaten von wesentlicher
Bedeutung für die Gestaltung des Familienlebens. Mißstände im 'Woh
nungswesen berühren deshalb unmittelbar die wichtigsten Lebens
interessen der beteiligten Volkskreise und des Volkes überhaupt.
Die Grenzen, die bei der Befriedigung des Wohnbedürfnisses dem
Einzelnen gesteckt sind, hängen in erheblichem Maße von der Höhe des
Einkommens ab. Das Einkommen der Arbeiter ist überall von be
schränkter absoluter Höhe. Ihr Aufwand für die Wohnung kann sich
deshalb immer nur in engen Grenzen halten, und das führt dazu, daß
auch da, wo im allgemeinen die Wohnungsverhältnisse nicht ungünstig
sind, doch die Haushaltungen mit geringem Einkommen die relativ
schlechtesten Wohnungen innehaben, wie es sich wiederholt bei den
angestellteu Untersuchnngen in einzelnen Orten gezeigt hat. In den
größeren deutschen Städten wohnen 80 bis 90 °/o aller Bewohner nicht
in eigenen Häusern, sondern in Mietwohnungen, und wie eng dabei
für die meisten Mieter die Grenzen gezogen sind, ergibt sich aus dem
starken und trotzdem nicht immer ausreichenden Bruchteil, den die
billigen Wohnungen ausmachen. Nach den Berechnungen im statisti
schen Jahrbuch deutscher Städte (1903) kamen z. B. 1900 von den
Mietwohnungen (ohne gewerbliche Nebenbenutzung) auf die Jahres
mieten von:
250 M.
251—500 M.
250 M.
251—500 M.
u. weniger
u. weniger
in Chemnitz .
. 76,5 %
17,9 %
in Hannover
. 40,0 %
39,2 %
„ Lübeck . .
. 71,5%
20,1 °/°
„ Altona .
. 37,0 %
52,6 %
„ Breslau . .
. 65,2 %
19,9 %
„ Dresden .
. 35,2 %
43,4 %
„ Magdeburg .
. 54,8 %
32,4 %
„ Hamburg
. . 25,7%
47,4 %
„ Leipzig . .
. 40,8 %
41,7 %
„ Mannheim
. . 26,3 %
54,1 %