Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

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II.  Teil.  Arbeiterwohlfahrtspolitik.

meist  dichter  mit  Menschen  belegt  als  in  diesen,  sofern  man  den  großen
Durchschnitt  zugrunde  legt.  Daß  sich  bei  einer  Untersuchung  der
einzelnen  Gemeinden  eine  viel  größere  Mannigfaltigkeit  zeigt,  ist  selbstverständlich, ­
  ebenso  daß  dabei  namentlich  die  großen  Städte  ein  ungünstigeres ­
  Bild  zeigen.
Fehlt  also  auch  die  Arbeiterwohnungsfrage  auf  dem  Lande  durchaus ­
  nicht,  so  ist  sie  doch  noch  in  viel  höherem  Maße  eine  städtische
Frage,  und  grade  die  Wohnungsfrage  für  die  städtische  Arbeiterbevölkerung
  bietet  besondere  Schwierigkeiten.  Auch  hierbei  zeigen  sich
in  den  einzelnen  Ländern,  obwohl  die  Frage  an  sich  überall  brennend
geworden  ist,  sehr  erhebliche  Unterschiede,  weil  die  allgemeinen  und  besonderen ­
  Ursachen,  die  für  die  vorhandenen  Mißstände  verantwortlich  zu
machen  sind,  in  den  einzelnen  Ländern  mit  verschiedener  Stärke  wirken.
Das  Zusammendrängen  großer  Volksmengen  in  den  gewerblich
entwickelten  Städten  ist  die  wuchtigste  der  allgemeinen  Ursachen,  die
zur  Verschlechterung  der  Wohnverhältnisse  für  die  städtische  Arbeiterbevölkerung ­
  führen  müssen.  Dieses  Zusammendrängen  wurde  veranlaßt
durch  den  wachsenden  Arbeiterbedarf  der  besonders  in  den  Städten
aufblühenden  Großindustrie,  und  es  wurde  erleichtert  durch  die  größere
tatsächliche  und  rechtliche  Bewegungsfreiheit  des  Volks,  wie  sie  durch
das  neuzeitliche  Verkehrswesen  und  das  Freizügigkeitsrecht  geschaffen
ist.  Die  Überschätzung  der  Verdienstaussicht  und  der  Möglichkeit  des
Lebensgenusses  in  den  Städten  hat  vielfach  dazu  beigetragen,  den
Zuzug  der  Arbeiter  nach  den  Städten  zu  steigern.
Die  Bevölkerung  des  Deutschen  Reiches  hat  sich  von  41,06  Mill.
im  Jahre  1871  auf  56,37  Mill.  im  Jahre  1900  erhöht,  also  um  37,3  %
zugenommen.  Die  Volksdichtigkeit  ist  in  derselben  Zeit  von  76  auf
104,2  Einwohner  auf  1  qkm  gestiegen.  In  derselben  Zeit  ist  die
„Landbevölkerung“  (d.  h.  in  Gemeinden  und  Wohnplätzen  mit  weniger
als  2000  Einwohnern)  lange  ziemlich  gleich  geblieben  und  neuerdings
etwas  zurückgegangen  —  auf  25,73  Mill.  im  Jahre  1900  gegen  26,22
Mill.  im  Jahre  1871  —,  die  städtische  dagegen  von  14,79  auf  30,63  Mill.
gewachsen.  Ist  auch  die  Unterscheidung  in  ländliche  und  städtische
Bevölkerung  nach  der  Größe  der  Gemeinden  nicht  imstande,  den
Unterschied  zwischen  Stadt  und  Land  genau  wiederzugeben,  so  genügt
sie  doch  für  die  liier  zu  charakterisierende  Richtung  der  Verschiebung
nach  den  Städten  hin.  Die  Landbevölkerung  im  vorstehenden  Sinne
machte  1871:63  °/o,  1900  nur  45,7  %  der  Gesamtbevölkerung  des
Reiches  aus,  die  städtische  hat  in  derselben  Zeit  ihren  Anteil  von
36,1  auf  54,3  °/o  gesteigert.  Von  der  städtischen  Bevölkerung  lebten
1900:  9,12  Mill.  in  den  33  Großstädten  von  100000  und  mehr  Einwohnern. ­
  Die  deutschen  Großstädte  (ohne  Halle,  Krefeld,  Kassel  und
Stettin)  haben  nach  den  Untersuchungen  von  Dr.  Schott  im  Statisti-
            
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