13. Kapitel. Die Arbeiterwohnungsfrage.
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sehen Jahrbuch deutscher Städte (1903) von 1871 bis 1900 ihre Ge
markungsfläche um 59 o/o. ihre Einwohnerzahl auf der Gemarkungs
fläche von 1871 um 114,6 °/o, auf der Gemarkungsfläche von 1900 um
128,8% und im Umkreis von 10 km vom Stadtmittelpunkt aus um
141,5% vermehrt, also bedeutend schneller, als die Reichsbevölkerung
gestiegen ist, und in derselben Zeit die Bevölkerungsdichtigkeit von
42,3 auf 90,7 Einwohner für 1 Hektar des Stadtumfangs von 1871 ge
steigert, also mehr als verdoppelt, während die Volksdichtigkeit im
Reich in derselben Zeit nur um rund 37 o/ 0 gewachsen ist. In Berlin
ist nach demselben Maßstab die Volksdichtigkeit von 1871 bis 1900
auf 1 ha von 139,5 auf 314,9 gestiegen, in Köln von 167,8 auf 315,4,
in Nürnberg von 73,7 auf 187,1, in Breslau von 68,5 auf 137, in
Essen von 58,4 auf 133,7, in Chemnitz von 56,2 auf 120, in Ham
burg von 47,4 auf 110,5, in Leipzig von 61,5 auf 110,4 usw.
In Belgien ist, wie M. H. Denis auf dem 6. Internationalen Woh
nungskongreß zu Düsseldorf (1902) mitteilte, von 1846 bis 1900
die Gesamtbevölkerung’ um 34 °/o gestiegen,
die Bevölkerung der Gemeinden
unter 2000 Einwohnern um 2 % a-esunken.
von 2000—5000
,, 5000—10000
„ 10000—25000
, 25000—100000
„ über 100 000
„ 29 % gewachsen,
„ 79 °/o
„ 164 >
„ 186 %
„ 240 %
Das Anschwellen der Volksmasse und der Volksdichte in den
großen Städten muß an sich schon die Wohnverhältnisse schwieriger
und die Wohngelegenheit teuer machen. In der Regel ist es nicht
möglich, für den steigenden Zuwachs der Bevölkerung so große Ge
lände in der Umgebung verfügbar zu machen, daß die Häuser von
mäßiger Höhe und mit ausgiebigem Hof- und Gartenrauni sich in ent
sprechender Weise vermehren können. Zudem entsteht da, wo nicht
die allgemeine Sitte und Gewohnheit derartige Gebäude bevorzugt, für
die Besitzer des städtischen Bodens die Versuchung, ihre Grundfläche
dadurch besonders auszunutzen, daß sie mehr Wohngelegenheiten auf
der gegebenen Fläche schaffen durch Aufsetzen von Stockwerken,
durch Anlage von Wohnräumen im Keller- und Bodengeschoß, durch
Einengung des Hofraumes zugunsten von Seiten- und Hinterbauten usw.
In den durch Befestigungen eingeschnürten Städten ist das oft genug
unvermeidlich gewesen, und in anderen Orten, bei denen an sich eine
mehr in die Breite gehende Entwicklung des Häuserbaues möglich war,
ist die Vermehrung der Wohngelegenheiten auf derselben Fläche durch
die Bebauungspläne und die Bauordnnngen nicht selten begünstigt
worden. Man hatte sich durch die wachsenden Anforderungen des
Verkehrs oft genug so sehr beeinflussen lassen, daß bei den Bebauungs